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Diggin’ The Crates: Primal Scream - Screamadelica

Just what is it that you want to do? We wanna be free / We wanna be free to do what we wanna do /
And we wanna get loaded / And we wanna have a good time / That’s what we’re gonna do / No way baby lets go / We’re gonna have a good time - We’re gonna have a party
The Wild Angels

Primal Scream sind mir als allererstes in der Provinzdisco meiner Jugend - dem Doch Du in Bocholt - begegnet:

Andrew Weatherall aka Sabres Of Paradise aka Two Lone Swordsmen bearbeitete den Primal Scream Song I’m Losing More Than I’ll Ever Have mit einem Heavy Bass Groove, dem zentralen Sample aus Peter Fondas B-Movie The Wild Angels und einem Drumloop, den er aus dem Soul II Soul-Bootleg von Edie Brickell’s What I Am geklaut hatte.

Das Ergebnis war der Dub-Breakbeat-Rave-Indiepop-Hit Loaded, der die Tanzflächen der Provinz-Oberprimaner auf einen Groove einschwörte.

Primal Scream - Loaded - Sziget 2009

Soul II Soul hatten den Beat ihrerseits natürlich nicht selbstgebastelt, sondern aus dem Song The Jam von Graham Central Station ab Minute 5:11 gesamplet und phatt editiert. So bleibt offen, woher Weatherall den Beat nun wirklich hatte…

Primal Scream, die Formation um den postmodernen Rockposer Bobby Gillespie, brachten auf dem - von Weatherall produzierten - Album Screamadelica zusammen, was nicht zusammen gehörte: Rock und Psychedelic aus den 60er und 70er, Heavy Dub Bässe, unglaublich langsame Breakbeats, Heroin, Pet Sounds, David Bowie und die Ecstasy-Euphorie der frühen Madchester-Tage. Das Ergebnis: Peace, Love and Happiness

Screamadelica Cover

Screamadelica markierte einen Wendepunkt in der Geschichte moderner Tanzmusiken, indem es der piefigen Indierock-Sackgasse eine offene Schnittstelle, an die faszinierenden Soundwelten von Reggae, Dub, Electronica, Hip Hop und Urban Soul, lieferte und damit musikalische Optionen schuf, die bis heute auf den Dancefloors dieser Welt nachhallen.

Primal Scream - Come Together (HypnotoneBrainMachine Mix)

Primal Scream haben übrigens gerade ihr neuntes Album Beautiful Future rausgebracht, mit “Poserrock und Angebermucke der sympathischen Sorte” (Spex 9/10 2008).
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Neuromodulator - N [ER CD 023]

Schon vor einiger Zeit hatte ich versprochen, das komplex-akademische Oeuvre der Schweizer Formation Neuromodulator mit dem schlicht-prosaischen Titel N zu reviewen.

Seitdem lag die seltsame Unfähigkeit, diese Musik angemessen zu rezipieren, schwer auf meinem musikalischen Gewissen. Irgendwie fühlte ich mich unzuständig für die avantgardistischen Bestrebungen der Züricher Musiker Erich Hunziker, Christoph Grab, Ephrem Lüchinger und Marius Peyer, die leere Zeit mit abstrakt-dekonstruktivistischen Klangcollagen zu füllen. Hierzu steht den Künstlern ein reiches Instrumentarium (Gitarre, Saxophon, Hacked Toys, Keyboards, Drums, Percussions, DSP und allerlei selbstgebasteltes) zur Verfügung.

Neuromodulator - N

Der Waschzettel beschreibt das Vorgehen der vier Instrumentalisten als ‘Instant Compositing’, was bedeuten soll, dass sie an Ort und Stelle “komponieren und improvisieren” (sic) und dabei aktuelle Clubmusik, Avantgarde, Ethno und Jazz zu einer Einheit verschmelzen.

Sehr sympathisch mit welchem fast schon arroganten Mut zur Entschleunigung Neuromodulator sich der Flut an Releases im elektronischen Bereich entgegenstellen. Das gleichberechtigt-experimentelle Arrangieren von Sound und das ständige modulieren der Klänge vom jeweils anderen, erfordert maximale Konzentration vom Hörer, etwas, das ich schon lange verlernt habe. So kann ich mir das Album auch am ehesten als Soundtrack zu einem expressionistischen Film wie Das Kabinett des Dr. Caligari oder Metropolis vorstellen.

Die mystisch-industrialistischen Tradition von Bands wie Zoviet*France, an die sich Neuromodulator - übrigens auch vom Artwork her - vielleicht anlehen, hat durchaus große Alben wie Monomishe oder Norsch hervorgebracht, aber auch schon zu Beginn der Neunziger eine heftige Sinnkrise erlebt.

Ich mag ignorant sein, aber ich finde die guten klangliche Momente - wie z.B. den Bordun in dem Track Pass-Age - zu heterogen-beliebig eingestreut und das Album für einen interessierten digitalen Bohemien einfach zu schwer zugänglich.

Vielleicht wollen sich ja mal ein paar gute Remixer - ich denke da beispielsweise an Patrick Pulsinger - des Albums annehmen, die dem klanglich-ausufernden eine loophafte Strenge verordnen. Ansonsten übergebe ich an die Spezialisten von jazzthing oder jazzthetik.
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Tipanic vs Ravissa - Tomorrow [BH002]

Das Wiener Label Big-N-Hairy, selbsterklärt zuständig für Breakbeat von Nu-Skool und New Wave (?) über Bouncing Shit zu Trashy Electro, veröffentlicht am 1. Oktober seine zweite Katalognummer: Tomorrow von Florian Richling aka Tipanic und Nicole Hensei aka Ravissa.

Normalerweise habe ich garnichts gegen den forcierten Crossover von Rockbeats und -gitarren mit einer ordentlichen Rave-Nummer, aber der Tipanic Edit erschreckt mich doch schon in den ersten Takten mit einem gefühlten Sample aus Nick Kamens Ekel-Schmusepop-Nummer I Promised Myself.

Ich mag mich verhören, aber Klangfarbe und Akkordfolge sind doch extrem ähnlich. Ansonsten stompt der Track eigentlich recht ordentlich rotzig voran, der Gesang erinnert an Karl Hyde von Underworld, die ich jedoch immer schon - bis auf das grossartige Born Slippy - für etwas überschätzt gehalten habe.

Trotzdem dürfte der Edit auf Clash-orientierten Tanzflächen durchaus funktional sein, höre ihn nachher nochmal auf ein paar Wodka Cranberry.

Ravissa Bild

Der Ravissa Edit ist elektronischer und mehr in Richtung Tech House orientiert. Die Klampfe fehlt glücklicherweise und der stark breakorientierte Track macht Spass und hat das Potential eine eingeschlafene Party wieder auf den rechten Kurs zu bringen.

Die Tracks sind ordentlich produziert, nur fehlt noch die entscheidende Prise Magie, die aus einem DJ-Tool einen Spätsommerhit macht. Bin gespannt wie sich Label und Künstler weiter entwickeln werden.
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High Tech Soul - Detroit Techno Dokumentation

Detroit Techno Releases

Der Regisseur Gary Bredow, der schon in einer Doku über die Videos von Fatboy Slim Norman Cook seine Sporen verdient hat, drehte die erste Dokumentation über die frühen Ursprüngen des Techno und dem Kulturgeschehen in dessen Geburtsstätte Detroit: High Tech Soul

Mit einem soziologisch-historischen Abriss der Geschichte Detroits und dem Erklärungsversuch, warum nur dort eine solche deep-technoide Musik entstehen konnte, beginnt der Film und fokussiert sich dann - in meiner Meinung nach viel zu vielen - Interviews auf die Originator des Genres: Juan ‘Cybotron’ Atkins, Derrick ‘Mayday’ May und Kevin ‘Master Reese’ Saunderson.

Vieles kennt man ja schon aus den tollen Linernotes von Techno! The New Dance Sound Of Detroit, aber die Anekdote, dass Kevin Saunderson den armen Derrick May hinterrücks eins auf die Glocke gegeben hat, bevor sie Freunde wurden, finde ich z.B. sehr amüsant.

Ein wenig mehr Musik und für Dokus dieser Art eigentlich übliche Produktionseinblicke hätten es sein dürfen, aber auch so ein unverzichtbares Stück Musikgeschichte.
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Website des Monats - petaflop.de

Kennt jemand hier noch nicht die Million Dollar Homepage, die geniale Geschäftsidee des britischen Studenten Alex Tew, jeden Pixel auf dem 1000×1000px-Canvas für einen Dollar an Werbekunden zu verkaufen?

Das clevere Konzept, allgemeines Interesse an der absurden Idee und kommerzielles Interesse der Investoren dialektisch zu verknüpfen, brachte Tew 1.037.100 Dollar ein.

Million Dollar

Der, mir zuerst durch seine, mit seinem Zwillingsbruder Jürgen, erstellten wilden Anzeigen und Beiträge in der mittlerweile eingegangenen Düsseldorfer Zeitschrift Tussi Deluxe aufgefallene, Designer und Medienkünstler Peter Schildwächter aka petaflop hat die daraus resultierende Ästhetik für seine Website entdeckt.

petaflop.de

Grund waren aber in erster Linie kein kommerzielles Interesse, sondern die Idee die eigene Homepage als Schaufenster zu verstehen.

Genervt von vielen Websites, bei denen man lange rumklicken muss, bis man bekommt, was man sehen will, soll diese Collage einen schnellen Überblick meiner grafischen Arbeit schaffen – ohne Klicken.
Peter Schildwächter via blog.petaflop.de

Sieht Klasse aus und soll bald auch klickbar sein. Meine Website des Monats und eventuelle persönliche Beziehungen mit dem Künstler haben mein Urteilsvermögen natürlich nicht im Geringsten getrübt…
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In The Mix: Polarity - Syntax Release Party

Dubstep Releases

Der 1979 in Eisleben geborene Robert Agthe (m.W. nicht verwandt mit Arend Agthe, dem Regisseur der Gruppe Arnold Hau) aka Polarity hat vor einer Wochen sein Album Syntax herausgebracht.

Der Gründer von producer-network.de - der Internetplattform für Produzenten elektronischer Musik - hat bereits auf den hauseigenen Compilations Dubstep Sessions Volume 1&2 kräftig mitgewirkt und auf der Release-Party eine grossartigen Mix aus Drum n’ Bass, Nu-Skool Breakz, Dubstep und House losgelassen.

Polarity klein

Fragt sich nur, warum ich solche Partys immer verpassen und dann bei scheckkartenpunk von diesem grossartigen Mix erfahren muss.

Syntax Album Release Party

Die Mischung aus allem was Bass hat macht einen Riesenspass und zeigt Einerseits wie wichtig es ist, dass die Subszenen der von Beats und Bass getriebenen Musik ihre Ohren nach allen Seiten offen halten und Zweitens wieviel Potential in der Rhythmussprache von Bass-Driven-Music steckt.

Ich betrachte dieses Potential trotz der mittlerweile mehr als 15 Jahre währenden Geschichte von Jungle / Breakbeat / Big Beat / Wat-weiss-ich-Step / Neurofunk usw. als immer noch vorhanden und ausbaubar in dem Sinne, dass die heute produzierte Musik eines fernen Tages genauso grundlegend klingen könnte wie Stockhausens Synthesizer-Experimente für uns heute.

Hörbar wird diese, meine Vision beispielweise in der fünfzehnten Minute im Mix -> Indiepop goes Dn’B… Yeah!


Polarity - Syntax Album Release Party
[via scheckkartenpunk & polarity-dnb.de]

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Reiner Maria Matysik - Failed Organisms

Biotechnologie Releases

Das Spannungsfeld zwischen Verheißung und Scheitern einer biotechnischen Zukunft ist das Betätigungsfeld des Berliner Künstlers Reiner Maria Matysik. Seine dekonstruktivistische Website lädt erstmal nicht zum langen Verweilen ein, decouvriert aber in ihrem scheinbar amateurhaften HTML-Code ganz nebenbei die konzeptionelle Banalität des Internets. Die Flash-Site mit ausgewählten Arbeiten ist da schon Web2.0iger (sic), aber in ihrer ästhetischen Radikalität zwischen Collage und 8Bit-Style will auch sie erst erarbeitet werden.

Auch in seiner Kunst ist Matysik sehr enigmatisch, lehnt er seine Arbeiten doch beispielsweise an die Mikrobiologie und die Klassifizierungssystematik von Carl von Linné an und spielt so mit dem rituellen Habitus des Wissenschaftsbetriebs.

In der Ausstellung Failed Organisms der Reihe Kunst und Naturwissenschaft III des Art Laboratory Berlin zeigt Matysik seine neu geschaffene prototypmodelle zukünftiger lebensformen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern, die als Phänotypen neuen Lebens ungekannte lebensfähige Eigenschaften versprechen, sind diese hier allerdings zu schwach und so zum Scheitern verurteilt.

Matysik Bild

Die faszinierende Welt zwischen biotechnologischer Forschungswelt und pseudowissenschaftlicher Fiktion ist ab dem 29.08.08 im Art Laboratory Berlin, Prinzenallee 34, 13359 Berlin [U8 Pankstraße/ S-Bahn Bornholmerstraße] zu bestaunen.

Die Vernissage ist um 20 Uhr und ein Künstlergespräch mit Matysik gibt es am Sonntag dem 31. August um 17 Uhr.
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