Der Grandfather des Minimal Techno, also der Technospielart die bei maximaler Reduktion maximale Dichte erreicht - wie ein gut reduzierter Fonds der die Geschmacksknospen zum explodieren bringt -, Robert Hood hat zum Re-release seines Opus Magnum Minimal Nation einen Live-Mix produziert, der via bleep.com zum freien Download bereitsteht.
Ein Interview mit Robert Hood gibt es im Bleep-Blog.
Lipservice ist das neue Label der Chickenlips und springt erstmal in die frühesten 80er zurück. NoWave, Disco, Cowbell, Italo bunt zusammengewürfelt, groovig, macht Laune und reduziert sich auf das Nötigste, ohne minimal zu wirken. Bei ‘Robot Eyes’ wird im Vergleich zu ‘Robot Lips’ einfach ein wenig mehr Kraftwerk und eine ganz unauffällige 303 eingefügt, die keine Anstalten macht, nach Acid klingen zu wollen. Allerliebst mit der zuckersüßen Melodie.
Koteys Mix von ‘Feast Of Freeks’ ist der passende Kontrast dazu. Ein wenig Dub-Echo und eine dreckige verzerrte Bassgitarre untenrum, aufgedrehte Filter oben, aber keine NuRave-Peinlichkeiten, werden noch einige Tanzflächen rocken. Solider Start. Tags:303chicken lipscowbellDiscoitalo
Tot ist Drum and Bass noch lange nicht, auch wenn es die letzten Jahre stark danach aussah und viele schon vom Ende redeten. Doch mit The Raw Truth, dem Debut von Steve Lynx und Jimmy Blitz (aka MC Kemo), erscheint mit fast einjähriger Verspätung der passende Soundtrack zur Krise dieser Tage. Düster und melancholisch in der Stimmung, minimal und reduziert im Sound, dürfte das Album für einige der nötige Arschtritt sein, ihr (Drum-and-Bass-)Weltbild neu zu ordnen.
Lynx bringt seine Beats genau auf den Punkt, schafft Raum und ausreichend Platz für Kemos - manchmal beschwörend wirkenden - Sprechgesang. Selbst bei dem souligen Gänsehaut-Stück ‘All You Own feat. Spoonface’ halten sich die Streicher angenehm zurück. Aber beide sind ‘Ultraperfektionisten’, die mit dem Ziel antreten, ein Album herauszubringen, das der Hörer ‘vom Gefühl und der Langlebigkeit her’ zwischen Massive Attack, Burial und dem Wu Tang Clan in seiner Sammlung einordnet. Deswegen auch die Verspätung. Ihr Labelchef Marcus Intalex war von Lynx & Kemo jedenfalls so begeistert, dass er sie bereits nach der zweiten Maxi um ein Album bat. Ob das die Wende ist?
Lynx & Kemo Live @ KissFM 13.02.2009
[via mixvibe.net]
Debug: Euer Album ist nicht nur eklektisch, sondern es klingt auch sehr reduziert. Für Drum and Bass eher ungewöhnlich.
Kemo: Gott sei Dank geht es wieder dahin. Es ist eine kleine Revolution, eine Wiedergeburt hin zum ursprünglichen Sound. Seit ungefähr sechs Jahren wurde alles immer schneller, härter und voller. Seitdem Lynx vor gut drei Jahren angefangen hat, in einem eher minimalen, deeperen Stil zu produzieren, gibt es andere, die in diese Richtung gehen. Mittlerweile geht das quer durch die Bank. Sogar DJs wie Andy C oder Hype, die dafür bekannt sind, einen schnellen, harten und vollen Sound aufzulegen, spielen inzwischen minimalere Sachen.
Debug: Der Krisenstimmung, die zurzeit in der Gesellschaft herrscht, kannst du zumindest im Drum and Bass also nichts abgewinnen?
Kemo: Drum and Bass stagnierte lang. Statt Lieder produzierten alle nur funktionale DJ-Tools und hatten Angst zu experimentieren. Doch die letzten zwei, drei Jahre gab es einen Aufschwung. Insofern hat der dunkle Zeitgeist unsere Musik positiv geprägt. Es gibt viele politische Tracks und deepere Sounds. Deshalb habe ich das eben auch als kleine Revolution bezeichnet. Wenn es diese Revolution auch in der Gesellschaft gäbe, würde unsere Zukunft wesentlich besser aussehen.
Debug: Nun ist ja eure Musik recht düster. Entspricht das auch eurer Persönlichkeit?
Kemo: Ich bin melancholisch und düster …, aber wie definiert man einen düsteren Menschen?
Debug: Eher ängstlich sein, Dinge negativ sehen …
Kemo: Das passt schon bei uns beiden. Wir bemühen uns, stets positiv und ausgeglichen zu sein. Aber auch nur, weil ich vor ein paar Jahren arge Probleme mit Angststörungen hatte. Gott sei Dank konnte ich mich voll darauf konzentrieren. Ich habe ungefähr sechs oder neun Monate nichts gemacht, also nicht gearbeitet, kaum rausgegangen. Seitdem mache ich es mir zur Lebensaufgabe, mich möglichst viel mit der seelischen oder spirituellen Welt zu beschäftigen. Bei mir im Haus leben zwei neugeborene Christen. Das ist zwar nicht mein Weg, aber ich respektiere das. Mich zieht es eher zum Thaoismus und Zen-Buddhismus. Ich lerne Wege, meine Gedanken zu kontrollieren und auch die Thematiken, mit denen ich mich beschäftige. Ich liebe düstere Sachen wie David Lynchs Filme oder düstere Serien und Bücher. Allerdings beschäftige ich mich nicht mehr zu viel damit.
Lynx & Kemo - The Raw Truth ist auf Soul:r erschienen
Momentan ist meine Posting-Aktivität aufgrund der Arbeit an meinem neuen Film radikal zurückgegangen, aber Zeit für eine Wiedervorlage des Werkes von Gary Wilson muß sein.
Gary Wilson debütierte bereits vor über 30 Jahren in der New Yorker Do-It-Yourself-Szene mit dem Proto-New Wave Meisterstück Do You Think You Really Know Me das nur ca. 600 mal gepresst, aber im Jahre 2002 von Motel Records re-releast wurde.
Auf dem Debüt findet sich eine Art mysteriöser Triebtäter-Funk, der von schmachtenden Electric Piano-Etüden wie in ‘Chromium Bitch’ - einer wenig überzeugenden Liebeserklärung an eine ausnahmsweise namenlose ‘Bitch’ - oder ‘6.4 = Make Out’ bis hin zu groovigen Eintänzer-Riddims wie ‘Groovy Girls Make Love At The Beach’ reicht.
In aller Regel drehen sich die Songs um die drei Mädchen Karen, Cindy und Linda, die Gary mutmaßlich auf der High School in Endicott kennengelernt hat und die kein einfaches Leben gehabt haben dürften, zumal Gary sich in den meisten Songs am Ende mit einem Bein in der Psychatrie bewegt. Konsequenterweise verschwand Gary nach dem Release des Opus Magnum, nachdem er eine Menge denkwürdiger Konzerte in Zellophan, Isolierband, Bettwäsche, Mehl, Milch und Kunstblut gegeben hatte.
Motel Records hatte es nicht einfach ihn zum Re-release zu finden, sie begannen sogar einen Privatdetektiv zu engagieren, der Wilson schließlich als Teilzeitkraft in einem Pornokino auftrieb. Zu dieser Zeit drehte auch Michael Wolk einen Dokumentarfilm über den Schizo-Musiker mit dem Titel You Think You Really Know Me: The Gary Wilson Story.