Sobald auch nur die Erahnung eines Aufkeimens eines eventuell bald anberaumten Frühlings durch meine Servietten Gardinen rauscht (oder wie auch immer das passende Verb für eine mit Tatkraft versehene Ahnung sei) ist wieder Funk & Soul-Zeit.
Um nicht wieder DJ Shadow & Cut Chemist oder die olle Marlena Shaw-Single ‘California Soul’ herauskramen zu müssen checkte ich meinen e-mail Account. Und dort wartete schon der 001:Funk Mix von Distantstarr auf mich. Distantstarrs Album wird bald auf Tokyo Dawn Records erscheinen, ein Preview-Track von ihm befindet sich im Mix…
Gravious, Produzent meines Dubstep-Tracks des letzten Jahrzehnts und straight outta Glasgow, ist nicht nur von Old School Jungle, Drum ‘n Bass und Electronica beeinflusst, sondern auch von dem ‘Jupiter Jazz’- Detroit Techno-Entwurf eines Mike Banks oder Carl Craig.
Und wenn ich schon mal Detroit Techno und Jazz in einen Sack packe will ich mich auch mit einem Anthony ‘Shake’ Shakir-Set nicht lumpen lassen, schon gar nicht nach dessen Aufritt als Grand Seigneur des Techno auf der letztjährigen Hardwax XX-Party. Shake ist einer der Detroit-Legenden dessen Eintrag ins Geschichtsbuch noch nicht geschrieben werden kann, da da hoffentlich noch einiges kommt. Ein Zwischenstand:
Anthony ‘Shake’ Shakir - LWE Podcast 42
[via&download]
Zo - Overnight Experience
Spacek - Time
Kissey Asplund - Fuss’N’Fight
Tremendo - Mi Ciudad
Dwele - A Pimp’s Dream
D’Angelo - Chicken Grease
Jamie Lidell - What’s The Use
Omar - Your Mess
Sa Ra - Glorious
Aqeel - Wake Up
Platinum Pied Pipers - Your Day Is Done Tags:hip HopMixNiñoSoul
Äonen alt, von der inzwischen aufgelösten schwedischen Gruppe Zeigeist und wiederendeckt im dem grandiosen Mix The Twelfth Hour gebloggt von pEtEr vor nun fast fünf Monaten. Nunja, manchmal fällt der Groschen recht spät, aber bei zeitlosen Tracks wie diesem plädiere ich sowieso für den neuen Trend des Slow Journalism, einer Art atemporaler neuer Aufmerksamkeitsökonomie.
Humanitarianism ist dann auch ein hedonistischer Discotrack mit phattester Bassline, kurzen Panflötenlicks (nur im Mix mit Snoop Doggy Dogs ‘Sensual Seduction’) und einer absolut und unglaublich sexy Stimme einer New Yorker-Strassengöre. Ein Song bei dem man gleichzeitig die Tränen in den Augen stehen hat vor Glück und selbiges mit erhobenen Armen in die Menge schreien möchte. Solche Momente auf der Tanzfläche sind das lebensnotwendige Salz in der momentan diesigen Suppe des Lebens. Wie gerne möchte man in dieser ‘Popgruppe’ am synthetischen Basslauf stehen oder die Discokugelkurbel drehen. Ganz großes 70er Jahre Kino.
Zeigeist - Humanitarianism (Twelves Remix)
Die Legende sagt, dass, wenn man einen Skandinavier in einen Topf mit kochendem Wasser steckt, er in Form von melodischen Synth-Pop kreischt.
Zeigeist sounds like an upbeat, blog-era, bastard child from the Ladytron-Eurythmics-Depeche Mode secret Scandanavian 3-way love affair. Jakae of JacuzziKillers.com
Meine erste Konferenz auf der diesjährigen transmediale: Atemporality - A Cultural Speed Control. Der Referent ist Bruce Sterling, exilierter Texaner und SciFi-Autor, der mit William Gibson maßgeblich an der Erschaffung der Genres Cyberpunk und Steampunk beteiligt war. Laut Programmheft ist die Fragestellung wie wir in Zeiten von politischen Planungsintervallen die die Dauer von Wahlperioden haben die Zukunft weiterhin als Ressource nutzen können.
Wenn Fortschritt mehr sein soll als das Re-Design bereits vorhandener Fahrzeugpaletten, benötigen wir eine ästhetische und mediale Analyse unserer Gegenwart.
‘Was ist Atemporalität?’ war die Kernfrage die Bruce Sterling in den Raum stellte. Es sei die Frage nach der Natur des historischen Wissens, wie wir über Geschichte denken. (Geschichte ist bekanntlich keine Wissenschaft auch wenn es die gleichnamigen Wissenschaften gibt, sondern Geschichte ist ein Frage des Standpunktes der Erzählers, was uns gerade bei den grossen Menschheitserzählungen oft nicht ausreichend bewusst ist.)
Bruce Sterling erklärte, er wolle zunächst Atemporalität als modernes Phänomen gegen beispielsweise die Postmoderne in Stellung bringen und in der Folge dann Strategien für Künstler entwickeln damit umzugehen. Als amüsantes Beispiel stellte er ein Zitat Richard Feynmans in den Kontext des Web2.0:
‘Write down the problem. Think REALLY hard. Write down the solution.’
In unseren Zeiten, so Bruce Sterling, sehe es folgendermaßen aus:
1. Write the problem in a search engine. Look if somebody has solved it before.
2. Write about the problem in a Blog.
3. Publish the problem via twitter.
4. Open Source the problem.
5. Start a Social Network about the problem.
6. Make a video of the Problem - youtube it.
7. Create a Design Fiction that claims the problem is solved.
8. Create some gadget about my problem.
Der intellektuelle Prozess an sich, der Ansatz einer Problemlösung, sei in diesen ‘kollaborativen’ Techniken verlorengegangen. Vielmehr sei jede Erkenntnis ‘just meaning, value, database mining or social relevancy’. Wer schreibt Geschichte heutzutage, wer ist die relevante Figur hinter gesellschaftlichen Erzählungen? ‘Network culture offers a long tail of intellectual rumors about history’
Allerdings sei kein Anlass für eine moralische Panik gegeben, man müsse nicht Punk werden, sich umbringen und Steine werfen, so Sterling. Vielmehr sei ein ‘calm, serene and pragmatic scepticism’ gegenüber historischen Erzählungen angebracht.
Wie immer bei transmediale-Keynotes habe ich hier kurz den Faden verloren und ich bin mir nicht sicher ob dies an meinen mangelnden Englischkenntnissen im wissenschaftlichen Bereich lag oder an der Sprunghaftigkeit in Sterlings Denken. Jedenfalls schlug Sterling nun vor als künstlerische Strategie etwas zu kreieren das erst in etwa zwanzig Jahren Sinn machen wird. Es war ein Aufruf an Künstler eine Vergangenheit oder Zukunft einfach anzuwenden und zu leben.
‘Why dont you just dress up as an astronaut? Make yourself a public declaration of a future that doesn’t exist? Become multitemporal rather than multicultural!’
Der nächste Vortragende war der Medienarchäologe Siegfrid Zielinski, der u.a. die Holy Trinity of Time auf einem altmodischen Overhead-Projektor vorstellte, was allgemeinen Applaus ob dieser ausgestorbenen Kulturtechnik auslöste. Jedenfalls sei die Heilige Dreifaltigkeit eben PAST, PRESENT und FUTURE. Nun kam Zielinski auf das Buch Negative Theologie der Zeit von Michael Theunissen zu sprechen, in dem zwei Pathologien des Zeitbewusstseins erwähnt werden. Einerseits die Melancholie als ein ‘to be too much in time’ (STUCK) und anderseits die Paranoia als ein ‘to be too little in time’ (ESCAPE).
Es folgten Ausführungen über die Zeit in der griechischen Mythologie, namentlich Kronos (die biologische (Lebens-)zeit), Kairos (die imaginäre Zeit ohne Ausdehnung, ‘Der Gott des günstigen Augenblicks’) und Aion (die Ewigkeit).
An dieser Stelle las ich einen Tweet von @gregorsedlag:
Zielinski kann ich ja schon auf deutsch nicht folgen, auf Englisch wird es Realsatire. Erfolgreich als Polylux-Retromedienaktivist. #tm10
Dem ist Nichts hinzuzufügen, ausser das sich Zielinski mit den Worten verabschiedete: ‘We move from the past into the future and are presence in both of them’.
Während der Keynote von Siegfried Zielinski stoppte das Google Street Car an der chinesischen Botschaft und mein Tweet darüber wurde von tweetscreen an eine Wand im HKW geworfen…
SubKid RT @anjakrieger: OMG! The Google Car stopped by The Chinese Embassy! #fffffat #tm10
Den nächste Redner fasse ich per Tweet zusammen, keine Zeit, möge das Netzwerk was daraus machen:
Alexander Rose, Long Now Foundation, presents examples of projects from around the world & history involving extremely long term thinking #tm10
Ralf Hildenbeutels und Sven Weisemanns Alben waren an sich schon eine Offenbarung. Der Spanier Bosques de mi Mente toppt das Level der beiden jedoch um ein vielfaches. Solch verschrobene Klassik, die auch gerne mit Minimal-Musik oder Tape-Musik vermischt wird, kam mir bisher höchstens bei Aphex Twins ‘Avril 14th‘ unter.
Auf Lo-Fi, seinem 2008er Werk (erschienen unter CreativeCommons auf Clinical Archives) wechseln sich die Stücke in spielender Leichtigkeit ab. Manchmal dürfen es auch ein wenig Schlagzeug und Umweltgeräusche sein, die dann wieder durch eine ungemeine Sanftheit abgewechselt werden.
Höhepunkte sind sicherlich die beiden Tracks zu den geposteten Videos. In Ersterem wird die Melodie, die stundenlang so weitergehen könnte von metallisch-ziependen Geräuschen getragen, die den enormen Reiz ausmachen, während im Zweiten ein Meeresrauschen die Gleitfunktion übernimmt und mit den schönsten Walgesängen seit ‘Remember Exxon Valdez‘ unterlegt wird.
Insgesamt ist LoFi ein Ausnahmealbum, das man jedem CreativeCommons-Skeptiker empfehlen kann, um die Qualität von “verschenkter Musik” unter Beweis zu stellen.
Allerspätesten seit 2009 ist Klassik definitiv das neue Chillout in meinem virtuellen Plattenschrank. Ein Jahr zuvor fing es bereits an als Ralf Hildenbeutel mit ‘Lucy’s Dream‘ ein nur mit Streichern und Piano eingespieltes, total verträumtes Album veröffentlichte, das sowohl moderne Klassik als auch das Eye-Q-Erbe vereinte und den Soundtrack zum Open-Source-Märchen ‘What a Witch’ bildet.
Hingegen Carl Craigs und Moritz von Oswalds ‘ReComposed‘ kann ich trotz mehrer Versuche bis heute recht wenig abgewinnen. Zum Glück gibt es neben den beiden noch andere Techno-Produzenten wie Sven Weisemann, der in seinem klassischen Werk ‘Xine‘ die Bassdrum und Detroitchords links liegen ließ und durch Klavier und Ambientsounds ersetzte. Das Ergebnis klingt dann weniger lieblich als bei Hildenbeutel, aber Weisemann produziert ja sonst Detroit und kein Trance.