Nun endlich das Album von Joell Mull auf Truesoul. Wobei der Terminus Album trotz Intro- und Outrotrack nicht auf ein ganzes Konzept passt, ist es doch mehr eine Ansammlung von Clubtracks. Techno, nur weniger hart als der Output des Schwesterlabels Drumcode, der auch so gut geht.
Der bereits releasten Orgelkiller ‘Holographic’ und das topfschlagende ‘Danny Boy’ sind ebenso drauf, wie das housige mit den unheimlich geilen Vocals bestückte ‘Sunday2Sunday’, in dem eine Frauenstimme alle Wochentage aufzählt.
Einfach alles gute bis sehr gute Tracks, wobei das Highlight des Albums ein ChillOut-Stück ist. ‘Sensory’ erinnert an Weltraumabfahrten, Space Nights der 90er und ist der perfekte Ruhepool für Mitten in der Nacht. Killer!
Schon lange gilt der Wedding als einer der Berliner Stadtteile mit großem Potential, trotz guter Startvoraussetzungen was billige Altbauten und Erreichbarkeit angeht, hinkt er aber in punkto Bar-, Galerien- und Clubdichte den altbekannten Hipster-Vierteln noch meilenweit hinterher. Seit einiger Zeit gedeihen aber auch in der Gegend zwischen Gesundbrunnen und Leopoldplatz zarte subkulturelle Pflänzchen. Das Brunnen 70 an der Grenze zu Mitte hat sich mittlerweile fest in der Clublandschaft etabliert und im Stattbad Wedding verhallt neben dem Kunstgezwitscher auch die ein oder andere Bassdrum zwischen den gekachelten Wänden.
Ganz in der Nähe eröffnet jetzt eine weitere Location, die ganz unkompliziert nach dem vor der Haustür vorbeilaufenden Flüsschen Panke benannt ist. Nicht nur geographisch, sondern auch musikalisch platziert sich die Panke weitab ausgelatschter Pfade.
Bei der Party des Leipziger Labels Jahtari erwartet die Gäste Digital Dub, Dubstep, Garage und eine ordentliche Dosis glitchige und wonkige Beats. Einen Vorgeschmack liefert der von DJ Synflood eingespielte Panke Podcast, der mit Tracks von u.a. Madlib, Tokimonsta und Daedalus vor allem der kalifornischen Beatbastler-Schule huldigt.
Vor zehn Jahren ging’s dann auch grad garnicht mit dem Techno. Frankfurt hatte endgültig dicht gemacht und bis die Neuberliner ihre Keta-Spaßbremsen-Nullersound-Revolution starteten sollte noch ein Jahr vergehen. In Frankfurt (als ob es keine Boshaftigkeit auf dieser Welt gäbe) bretterte man unentschlossen zwischen Schranz und German Hardstyle hin und her. Das gab zumindest dem konventionellen, sich auf Rock beziehenden Pop eine neue Chance in meiner Kiste.
Das die Strokes mit ‘Is this It?’ endlich wieder die Energie versprühten, die eine Dekade vorher Nirvana zu Weltruhm brachte, war erfreulich, aber auch nur ein Retrophänomen (wurde ja auch symptomatisch für die Nuller). Etwas ganz anderes passierte dann bei meinen damals noch regelmäßigen Besuchen im Plattenladen:
Extrem genervt von dem Einheitsbrei griff ich voller Übermut und zugedröhnt von zuviel Spex-Lektüre zu einem Vinyl (Testament der Angst), das wenige Jahre vorher definitiv niemand auf diesem Medium veröffentlicht hätte. Und dazu noch Hamburger Schule. Aber interessant war’s dann doch. Also das Pendel ganz in die andere Richtung geschleudert, damit es Jahre später mit voller Wucht zurückkommt.
Ignorant und leicht prollig wie man mit um die 20 eben so ist, konnte man die Band Blumfeld - ohne sie zu kennen - als Pseudo-Germanistikstudenten beschimpfen, um sich bloß nicht verunsichern zu lassen. Oder dann doch über den Schatten springen und den Texten eine Chance geben, sich an die akustische Instrumente gewöhnen. Was sicherlich schwerer war, denn musikalisch ist das Album kein Meisterwerk: relativ seicht und extrem poppig.
Textlich schon anspruchsvoller. Mehr Kritik (allerdings nicht so unvereinnehmbar-intelligent wie bei den Hamburger Kollegen der Goldenen Zitronen) die sich an der Desinteressiertheit des marktförmigen Menschen abarbeitet, allzuoft dran verzweifelt und sein Glück in der zweisamen Liebe sucht. Dabei ist es eine sehr dünne Grenze zwischen Kunst und Kitsch in der sich Jochen Distelmeyer mit seinen Texten bewegt. In welche Richtung die jeweilige Grenze überschritten wird, muss jeder für sich selbst herausfinden.
Vielleicht war es aber auch genau die richtige Reaktion, auf die damals ausgerufene Spaßgesellschaft mit Depression zu reagieren. Und von der Zwischenmenschlichkeit würde heute viel mehr gebraucht werden, da aus der vermeintlichen Spaßgesellschaft eine Hassgesellschaft geworden ist, ohne jetzt in ein verpillt-kitschiges “All you need is Love” zurückfallen zu wollen.
Dapayk auf Dekadent und wie auch schon bei der letzten ist die Nummer 18 wieder eine richtige B-Seiten-Platte. ‘The Viteng Clan’ mit den leicht versetzten HiHats und einem Hauch von Polka durch die Sounds im OFF, zieht einen in den Bann wie die Tarot-Damen die Homeshopping-Zuschauer. Man staunt und der Körper schwingt passend dazu. Gute Laune im Club verbreitet es ebenso. Und das Beste: die Abfahrt dauert neun Minuten und hält noch einige Spielereien parat.
‘Babe’s on Fire’ ist ebenso hittig, aber wieder offensichtlicher und mir etwas zu sehr dem Minimalsound verhaftet, was auf den passenden Partys niemanden stören dürfte. Und die Qualität ist eh hoch.
Los gehts mit einer Liebeserklärung an den Rhein von Andy Düx, der pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum des ältesten dt. Technolabels zeigt, dass Techno immer wieder weitergeht - wenn auch recht langsam mit moderaten 128BPM. Knallen tut’s trotzdem ganz ordentlich und selten habe ich so ein sauberes Mixing gehört. Andere würden dafür wochenlang ihr Wavelab oder Ableton malträtieren.
Weniger knallend sondern kräfteregenerierend geht es beim Drexcyaner Roland zu, der statt eines moderierten Podcasts einen ChillOut-Mix zum Stream oder Download anbietet. Und fleißig wie er ist, werden die CC-lizensierten Tracks auch einzeln zum herunterladen angeboten.
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1996 war das entscheidende Jahr und man könnte sicherlich stundenlang van Genneps Phasen der Übergangsriten anwenden, doch letztendlich ging es einfach nur einen Schritt weiter. Technosozialisation Stufe 3 (Plattenladen, DJ, Club) begann und solange ich mich an meinen ersten Besuch im Großen Club erinnern kann - es war Mark Spoons 30er mit einem LineUp dassämtliche Maydays in den Schatten stellte - sind es drei Stücke die mir dazu einfallen. Eines davon ist dieser Remix von Armand van Helden, der aus Tori Amos mal eben jene Killerbassline herauskitzelte, die den Körper mehr stimuliert als es die Federfolterung während der Inquisition je vermocht hätte.
Spoon bespielte den Abend vorher die Clubnight, da schlug der Track nach dem Mörder-Intro von CJ Bolland ein wie sonstwas - natürlich gekrönt durch dessen sehr indivuelle Weise zu scratchen. AvH machte dann noch ein einige Remixe in Todd-Terry-Manier, weshalb viele auch nicht erinnenswert sind.
The Analog Roland Orchestra aka Michal Matlak setzt, wie der Name schon erahnen lässt, auf klassische Qualitätsprodukte der analogen Ära. Als eifriger Sammler und Besitzer von dreißig Geräten aus den Jahren 1977-1988, ist bei Matlak die Auswahl dementsprechend groß. Doch analoge Kisten muss man auch bedienen können und dies kann er außerordentlich.
‘Timespaceroom’ erinnert ein wenig an den Delsin-Sound und ist Detroit, getragen von einer würdevollen Fläche und einem hypnotischen Vocal, das von maschinistischer Eleganz nur so strotzt und deswegen auch Oldskool in allerbester Weise. Ein echter Killer. Im Reshape fliegen die Flächen raus, stattdessen schütteln sich die Chords am Rand warm und geben dem breiten Lead die volle Aufmerksamkeit und das knallt umso mehr. Riesige Platte.