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JJ’s Ambient-Überblick 2011

Nachdem in den letzten Jahren so ziemlich jedes elektronische Mikrogenre irgendwo sein Comeback gefeiert hat und dabei neben nostalgischer Abkupferei auch viele neue Impulse gesetzt wurden, könnte 2011 das Jahr von Ambient sein. Klar, Ambient war eigentlich nie weg, man denke etwa an die Produktionen eines Brock van Wey. So viele gute Ambient-Alben wie in den ersten drei Monaten dieses Jahres gab es aber schon lange nicht mehr.

Spannend ist dabei, dass viele Produzenten sich nicht mehr nur an den viel zu oft zitierten Vorlagen wie Brian Eno oder Wolfgang Voigts Gas abarbeiten, sondern gemäß der von Finn Johannsen ausgerufenen Devise “Vorwärts immer, rückwärts immer” die Vorlagen um neue Akzente bereichern.

Der offensichtlichste Kandidat ist natürlich Sven Weisemann mit seinem Desolate-Projekt. Dass The Invisible Insurrection vor allem Burial-Vergleiche ausgelöst hat, ist ein nachvollziehbarer Reflex: Die klapprigen 2-Step-Rhythmen, das Rauschen, die spukigen Vocalfetzen, die hypnagogische Grundstimmung - alles wie beim Londoner. Seine Eigenständigkeit bewahrt Desolate aber durch die dezenten Pianotupfer, die die Düsterheit aufbrechen und hier viel besser zur Geltung kommen als auf Weisemanns reinem Klavieralbum Xine, das mir auf Dauer doch etwas zu eintönig war.

Düster ist auch ein Stichwort, das auf Tim Heckers neues Album Ravedeath, 1972 zutrifft. Hecker ist schon seit Jahren in seinen Platten auf dem Chicagoer Postrocklabel Kranky auf der Suche nach dem perfekten Cinemascope-Drone. Dabei war er für mich gegenüber Fennesz immer unterlegen, weil zu gediegen, man könnte auch sagen zu brav. Auf Ravedeath, 1972 kündigt schon der Titel einen Wechsel an: Endlich wagt sich Hecker aus dem Ungefähren heraus und riskiert mehr Abwechslung, mehr Unmittelbarkeit, vielleicht auch mehr Verwirrung. Die Synths im Opener ‘The Piano Drop’ jammern wie beim 70er-Ambient-Pionier und Deleuze-Freund Richard Pinhas. Überall schwirren kleine Melodien durch die Luft und werden von Noisepassagen wieder zerstört. Statt in die Akustiktapeten-Falle zu treten wie es bei Ambient leider zu oft passiert, fordert das Album einen aufmerksamen Zuhörer und gewinnt damit auf ganzer Linie.

Weniger Wagnis, dafür umso mehr Perfektion des Bewährten gilt dagegen für die neue Ausgabe von Kompakts Pop-Ambient-Reihe. Wobei mit Blixa Bargelds Monolog zu Alva Notos sakralen Orgelklängen in ‘Bernsteinzimmer’ durchaus auch ein Wagnis dabei ist. Ansonsten zeigen sich altbekannte Protagonisten wie Marsen Jules, Bvdub, Thomas Fehlmann und Jürgen Paape von ihrer besten Seite.

Das kann man leider nicht ganz von der kürzlich auf Ghostly erschienen Compilation SMM Context sagen. Die Tracklist liest sich mit Namen wie Goldmund, Peter Broderick, Svarte Greiner oder Leyland Kirby sehr vielversprechend, leider wird man aber den Eindruck nicht los, dass es sich nur um eine Zusammenstellung uninspirierter B-Ware handelt. Aber eine kleine Enttäuschung muss drin sein, dass Ambient-Jahr ist schließlich noch jung.

Party: Jahtari Label Night, Samstag, 26. Februar 2011, Panke

Schon lange gilt der Wedding als einer der Berliner Stadtteile mit großem Potential, trotz guter Startvoraussetzungen was billige Altbauten und Erreichbarkeit angeht, hinkt er aber in punkto Bar-, Galerien- und Clubdichte den altbekannten Hipster-Vierteln noch meilenweit hinterher. Seit einiger Zeit gedeihen aber auch in der Gegend zwischen Gesundbrunnen und Leopoldplatz zarte subkulturelle Pflänzchen. Das Brunnen 70 an der Grenze zu Mitte hat sich mittlerweile fest in der Clublandschaft etabliert und im Stattbad Wedding verhallt neben dem Kunstgezwitscher auch die ein oder andere Bassdrum zwischen den gekachelten Wänden.

Ganz in der Nähe eröffnet jetzt eine weitere Location, die ganz unkompliziert nach dem vor der Haustür vorbeilaufenden Flüsschen Panke benannt ist. Nicht nur geographisch, sondern auch musikalisch platziert sich die Panke weitab ausgelatschter Pfade.

Bei der Party des Leipziger Labels Jahtari erwartet die Gäste Digital Dub, Dubstep, Garage und eine ordentliche Dosis glitchige und wonkige Beats. Einen Vorgeschmack liefert der von DJ Synflood eingespielte Panke Podcast, der mit Tracks von u.a. Madlib, Tokimonsta und Daedalus vor allem der kalifornischen Beatbastler-Schule huldigt.

DJ SYNFLOOD - Panke Podcast 2 by synflood

Wer: JAHTARI RIDDIM FORCE (Disrupt, Dressla), CLAUSE FOUR (UK), TAPES (UK); Supporting DJs: DJ Synflood (reboot.fm, Berlin), Genys (Lowvibe, Lithuania)
Wann: Samstag, 26. Februar 2011, 22:00 Uhr
Wo: Gerichtstr 23, Wedding, 13347 Berlin
Wieviel: 5€ bis 0:00 Uhr, danach 8€

Platte des Monats (in reverse): James Blake - s/t [Atlas Recordings] revisited

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Es mag übertrieben erscheinen, den sowieso schon zum Bersten überladenen Diskurs um James Blake und sein Debütalbum noch weiter aufzublähen, aber so ist nun mal die Natur von Hypes: Sie polarisieren, erzeugen Reibungen und Diskussionspotential und sind deswegen einfach unverzichtbar, so sehr das oft nervt. Deshalb ein dickes “Danke!” an BTH für seinen Beitrag, der gerade weil er genauso einseitig, überspitzt und falsch ist wie alle Lobeshymnen, so dringend notwendig gewesen ist.

Jetzt aber zu James Blake: Seine drei EPs im vergangenen Jahr auf Hessle Audio und R&S haben mir durchweg gut gefallen. Wahrscheinlich weil sie gar nicht so bahnbrechend innovativ waren, wie von vielen behauptet wurde. ‘The Bells Sketch’, ‘CMYK’ und ‘Klavierwerke’ sind eine im besten Sinne eigenwillige, aber keinesfalls revolutionäre Collage von Elementen, die Blake mit vielen anderen Vertretern im Postfuturegaragestep-Universum teilt: Den Tritt auf die Bremse mit Mount Kimbie, die hochgepitchten Stimmfragmente mit ebenjenen und Burial, das italomäßige Regenbogenschillern bei Hyetal und den Night Slugs.

Dann kam im Herbst dieses Cover von Feists Limit To Your Love. Eigentlich ein großer Popsong, reduziert auf die pure Essenz der Verbindung von Stimme und Klavier. Aber irgendwie hatte das auch etwas sehr kalkuliertes in seinem unbedingten Willen zur großen Geste, die Selbstinszenierung als “der Dubstep-Produzent, in dem auch ein hochsensibles- und talentiertes Popcrooner-Seelchen schlummert” schien zu offensichtlich. Auf seinem Album nimmt sich James Blake zum Glück wieder etwas zurück. Songs wie ‘Lindesfarne II’ oder ‘To Care Like You’ sind tatsächlich eine pop-kompatible Erweiterung seiner bisherigen Beatscience. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich dieses Feld weiterentwickeln wird, genug schlechte Epigonen scharren sicher schon mit den Soundcloud-Hufen. Vieles ist aber auch einfach belangloses Füllmaterial, da hat BTH mit seinem Macchiato-Lounge-Vorwurf Recht.

Ganz sicher aber haben wir es hier nicht mit dem avantgardistischsten Stück Musik seit Beginn des Jahrtausends zu tun, und die These von der Auflösung bisher für unvereinbar gehaltener Genregrenzen dank totaler digitaler Verfügbarkeit von Musik ist auch schon ziemlich abgedroschen, nachdem Tobias Rapp sie vor drei Jahren in Bezug auf Hot Chip das erste Mal aufgestellt hat.

Hinter irrational ausufernden Hypes wie um James Blake steckt vielmehr ein verdrängter Wunsch: Dass nämlich das neue, große Ding immer noch irgendwo da draußen schlummert und sich uns schon offenbaren wird, wenn wir nur fest daran glauben. ’57 Rock’n'Roll und Soul, ’67 Pop, ’77 Punk, ’87 Rave und Techno. Und ‘97 der damals noch beschwerliche und nicht so wirelessflutschige Gang ins Archiv, wie Anton treffend analysiert hat. Und 2007? 2011? Die letzten wirklich großen Poperzählungen sind nun schon älter, als die aktuellen Protagonisten selbst und das scheint für viele immer noch ein größeres Problem, als sie zugeben können. Die Hoffnungen richten sich wie so oft auf das UK und sein Bassmusik-Kontinuum, das zu Beginn des Jahrtausend ja mit Dubstep das letzte im mikrogenrepolitischen Sinn “neue” Genre hervorgebracht hat. Logisch, dass James Blake eine besonders breite Projektionsfläche für diesen Wunsch abgibt. Erfüllen kann aber auch er ihn nicht.

JJ’s Platten zum Jahresabschluss

Die ob ihrer Vorhersehbarkeit meist gähnend zur Kenntnis genommen Jahresrückblicke sind fast schon wieder vergessen, es wäre also an der Zeit nach vorne zu blicken. Dabei lohnt es sich trotzdem, noch einen Blick auf 2010 zu werfen, denn fast jedes Mal fallen die Platten, die in den letzten Wochen des Jahres erscheinen, durch das Aufmerksamkeitsloch, das “zwischen den Jahren” klafft. In diesem Jahr drohen da ein paar ganz besondere Perlen unterzugehen:

Als erstes wäre da Kassem Mosse zu nennen, der sich über zu wenig Aufmerksamkeit derzeit eigentlich nicht beklagen kann. Nicht wenige zählen ihn dank seiner Veröffentlichungen auf Laid und Nonplus sowie diverser Remixe bereits zum Produzenten des Jahres. Für alle die das angesichts seines bisherigen Outputs in 2010 zumindest ein bisschen schmeichelhaft finden, liefert Kassem Mosse mit seiner neusten EP auf dem italienischen Label Kinda Soul Recordings die passende Antwort. Dabei findet sich auf ‘2D’ eigentlich wieder nur der typische Mosse-Trademarksound. Mal melancholischer, mal dreckiger, aber immer unberirrt treibender Maschinensoul, dabei so unverschämt lässig zur Perfektion gebracht, das ganz Detroit vor Neid erblasst.

Ähnlich vielversprechend wie Kassem Mosse präsentierte sich in diesem Jahr der Mainzer Tim Keiling alias Erdbeerschnitzel. Sein GlitchHop-Projekt Dark Side Of The Meat wurde hier schon gelobt, mindestens genauso beeindruckend war die DeepHouse-Hymne ‘To An End’ inklusive dem lustigen Frankfurt-Video mit anglo-hessischem Charme.

Der nette Stadtführer würde sich sicherlich freuen, mit seiner Firma kurz vor Ultimo nochmal einen solchen Kracher in der Jahresabschlussbilanz verbuchen zu können, wie Erdbeerschnitzel mit seiner Suave EP auf 4lux. Zum Titeltrack und ‘360′ tanzen nicht nur tote Bären auf schwebenden Punkten Boogie in vakuumverschlossenen Aquarien und der digitale Bonus ‘In their Eyes’ ist nochmal lecker-wonkiges Ribsche mit Kraut.

Suave EP by erdbeerschnitzel

Im UK schießen vielversprechende neue Produzenten und Label noch immer wie Pilze aus dem Boden, aktuell Eliphino und Somethink Sounds mit ihrer Undivided Whole EP. Die A-Seite ist mit samtenen Pads und punktgenau arrangierten Vocals die perfekte wärmende Decke aus der Euphorie-Garage, auf der B-Seite gibts dann den düsteren Ausgleich mit zwei pumpend-bleepigen Housetracks. Eiine rundum gelungene Platte und ein würdiger Schlussakkord unter ein Jahr, das in zehn Jahren wahrscheinlich als einer der Kulminationspunkte in Sachen UK Bass Music angesehen wird. Aber wer weiß, was 2011 noch bringen wird?

Und zum Abschluss sei nochmal auf den etwas untergegangene Jahresmix unseres Autors Subliminal_Kid verwiesen.

Mixtape des Tages: Scott Grooves - Resident Advisor Podcast 225

‘I was only paying $1 or $1.10 for gas, Michael Jackson had just performed at the Super Bowl and Jurassic Park was the big movie!’ Besser als Scott Grooves im Interview für seinen Resident-Advisor-Podcast könnte man die ökonomischen und kulturellen Unterschiede zwischen 1993 und 2010 wohl kaum auf den Punkt bringen. Passend dazu ist Grooves Mix auch aus eben jenem Jahr - aufgenommen auf Tape.

Dabei schwingt natürlich ein gehöriges Maß an Retro-Verklärung mit, aber was solls: Der Mix klingt heute mindestens so frisch wie vor 17 Jahren, ist gespickt mit House-Klassikern und zu Unrecht vergessenen Perlen und die Tatsache, dass das MP3 endet, wo auch die erste Seite der Kassette endet und sich der Mix auf zwei Dateien splittet, eine schöne Simulation des Analogen im Digitalen. Fehlt eigentlich nur noch das Kassettenrekorder-typische Klackern.

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Scott Grooves - Side A

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Scott Grooves - Side B
via residentadvisor.net

Wer noch auf der Suche nach einer stimmigen Beleuchtung zum Genuss des Mixes ist, sollte bei den Designern von Cassettes Delight fündig werden. Dort gibt es schicke Tischleuchten in Tape-Optik - energiesparend und gar nicht mal unerschwinglich.

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via Kraftfuttermischwerk

Platte des Tages: Svpreme Fiend - Killer EP [Local Action 002]

Keine Ahnung, wer sich hinter dem Pseudonym Svpreme Fiend verbirgt, klar ist nur, dass er eine Vorliebe für 2Step, Garage und House hat und ausnahmsweise nicht aus dem UK, sondern aus New York City kommt. Bisher steht ein ein feiner melancholischer Post-Garage-Track für die empfehlenswerte Gratis-Compilation des schottischen Online-Labels Echodub zu Buche.

Im gleichen Stil geht es auch auf seiner ersten EP für das Londoner Label Local Action weiter. Nach dem wonky House von T.Williams geht es mit Svpreme Fiend und Killer deutlich Richtung 2-Step. Durch den Raum schwirrende R&B-Vocals und dicker Subbass machen gleich klar, wo hier die Referenzen liegen. Deluge VIP fährt eine noch düstere Atmosphäre auf und sucht mit dem verregneten Brian-Eno-Synth und den gespenstischen Atmern Süd-London im Big Apple.

Der Abräumer der EP ist aber Fervor auf der B1 mit seinem ravigen Stab und den trockenen Snares im Hintergrund. Den sanft-verträumten Abgang bildet dann der reverbgetränkte Tropfsteinhöhlen-Dub Downfall. Steppige Tracks mit den Hallräumen guter Dubtechno-Produktionen kann es sowieso nie genug geben. Den Namen Svpreme Fiend sollte man sich ab jetzt auf jedem Fall merken.

LOC002: Svpreme Fiend - Killer EP by Local Action Records

Platte des Tages: Rick Wilhite presents Vibes New & Rare Music Part C [Rush Hour 111C]

Rick “The Godson” Wilhite ist nicht nur einer der vier 3 Chairs und Mitglied in Theo Parrishs losem Jam-Kollektiv The Rotating Assembly, sondern auch Betreiber und Selektor des Plattenladens ‘Vibes - New & Rare Music’. Diesem Laden verdankt die vierteilige 12”-Serie ihren Namen, die Wilhite nun für die Amsterdamer Rush Hour Recordings kompiliert hat. Ihrem Anspruch, “neue und rare” Musik vom Godson himself und befreundeten Produzenten zu präsentieren, ist die Serie in den ersten beiden Teilen nur bedingt gerecht geworden. Zu harmlos der Malen-nach-Zahlen-Deephouse von Glenn Underground oder Vincent Haliburton, für meinen Geschmack zu jazzig der Parrish-Track auf Part B.

Das ändert sich alles mit Part C und den größten Anteil daran hat (natürlich) Kyle Hall. Die Superlative und das ehrfürchtige Staunen angesichts seines Alters kann man sich einfach mal getrost sparen, After Fall spricht für sich. Seit Omar S’ Supreme-Homage ‘Day’ gab es keinen so euphorisierenden wie simplen Disco-Loop-House. Perfekt wird der Track durch die unberechenbaren Dropouts, die ein wenig an Theo Parrishs EQ-Orgien bei dessen DJ-Sets erinnern und klingen, als hätte Hall während der Aufnahme angeschickert an den Knöpfchen gespielt.

Mit Analog Love beweist Wilhite, dass er es selbst auch noch uneingeschränkt drauf hat. Rhodes-Piano, weibliches Vocal und Percussion sorgen für die unwiderstehliche Mischung aus Groove, Jazz und Sex, die so wohl nur in der Motorcity möglich ist.

Die B-Seite beschließen die beiden Heroen gemeinsam mit der Fieldrecording-Collage Microburst. Track des Jahres für alle, die gerne bei geschlossenem Fenster zu zwei Straßen entferntem Baustellenlärm raven.