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Christoph Schlingensief - 24. Oktober 1960 - 21. August 2010

Christoph Schlingensief ist tot und ich überlege seit Tagen wie ich einen persönlichen Nachruf formulieren kann. Christoph Schlingensief hat mich und mein Verständnis von Politik, Kunst und Diskurs entscheidend geprägt und war sowohl in intellektueller als auch in künstlerischer Hinsicht ein Vorbild für mich. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass er mit sympathisch gewesen wäre, wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte, ihn persönlich kennenzulernen. Ich habe ihn zweimal ‘in Echt’ gesehen, einmal in einem Restaurant auf der Oderberger Strasse in Berlin, in eins seiner bekannten intensiven Gespräche vertieft, und einmal auf dem Weg zum Bürgerhaus Stollwerck in Köln, an einem Popkomm-Wochendende. Bei diesem zweiten Treffen hat ihm meine Freundin Leonie aus Versehen eine Flasche Jägermeister in die Hacken gekickt, was dieser mit einem mißmutigen Blick quittierte. Näher bin ich leider nie an dieses große künstlerische Vorbild gekommen.

Entschiedende geprägt hat mich seine Theorie der aktiven moralischen Verrohung, die er in einer Talk 2000-Sendung mit Helmut Berger und Beate Uhse ungefähr so beschrieb: ‘Ich bin davon überzeugt, dass man in seinem Leben immer weiter Schranken einreißen kann, eine kleine Schranke nach der anderen und dass man es am Ende völlig OK findet, wenn man etwas unmoralisches tut.’

Was hier bei Helmut Berger mal grandios in die Hose geht ist meiner Ansicht nach der Kern von Schlingensiefs Philosophie: Wir sind immer wieder zur kritischen Introspektion gezwungen und diese Introspektion hat Christoph Schlingensief fortwährend und in aller Öffentlichkeit an sich vollzogen. Das was ihn schmerzte sollte jeder wissen und er duldete es nicht, dass man sich in einen gediegenen Winkel des Oberstübchens davor zurückzog.

Mit grosser Faszination erinnere ich mich auch noch an die Interviews mit Alexander Kluge, bei dem das grenzenlose, rhizomatische Denken von Schlingensief besonders deutlich zu Tage trat:

Das Umherschweifen der Schizophrenen gibt gewiß ein besseres Vorbild ab als der auf der Couch hingestreckte Neurotiker.
Gilles Deleuze / Felix Guattari

Christoph Schlingensief war eine ununterbrochene Diskursmaschine, ein Schizophrener im besten Sinne, der Sprache und Bedeutung in sich eingesaugt, prozessiert und wieder ausgespuckt und damit gezeigt hat, was jeder redliche Intellektuelle jeden Tag an sich vollziehen muss. Möglicherweise ist etwas von dem Unrat, den er dabei aufgesaugt hat, in seinem Organismus hängengeblieben.

Provokateur wurde er oft genannt, was im Wortsinn das gezieltes Hervorrufen eines Verhaltens oder einer Reaktion bei anderen Personen bedeutet. Ich wüßte nicht was daran schlimm sein sollte, außer das bürgerliche Mißverständnis, ein Provokateur würde einem nur die Petersilie verhageln wollen. Vielleicht wäre es treffender Schlingensief als Drastiker zu bezeichnen, in dem Sinn den Dietmar Dath in ‘Die salzweißen Augen’ expliziert und von Norman Mailer zitiert hat:

Kunst hilft uns am meisten da, wo sie unser Empfinden dafür, was möglich ist, verändert, wenn wir erfahren, was wir nicht einmal ahnten, wenn wir das Gefühl haben, daß wir mit einem Satz auf die Wahrheit treffen. Das ist, nach der Logik der Kunst, jeden Schmerz wert.
Norman Mailer

Christoph Schlingensief hat die Dinge so gezeigt wie sie sind oder auch in einem überraschenden und schmerzhaften Licht. Es ist auch keine Provokation, wenn man Bilder zeigt, die die mediale Repräsentationsmaschine nicht zeigen kann oder will.

Ein für mich zentrales Projekt in den neunziger Jahren war die Talkshow-Theorie. Seine These: Die Talkshows suggerieren einen ständigen gesellschaftlichen Diskurs, sie repräsentieren die Illusion das über die Dinge geredet wird. Sie sind im strengen Debordschen Sinne ein Spektakel oder, mit Baudrillard gesprochen, ein Simulakra dritter Ordnung, sie maskieren die Abwesenheit einer tieferliegenden Realität. Die Talkshow-Simulation verwischt die darunterliegende Realität nicht, sondern verdeckt das Vorhandensein einer Bezugsrealität. Nicht in Wahrheit wird über die Dinge geredet, sondern nur in der medialen Repräsentation. Es ist Schlingensiefs Verdienst dies in vivo bewiesen zu haben.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein ‘reifes Alterswerk’ von Schlingensief gewollt hätte, aber sicher habe ich ihm noch viele gesunde Lebensjahrzehnte gewünscht. Vielleicht wäre sein Geist, wie sein ewig jung scheinender Körper, aber auch nur langsam gealtert und sein Denken hätte die nötige Biegsamkeit und Flexibilität behalten, die alles Relevante in seinem Werk ausgezeichnet hat.

Christoph Schlingensief hinterlässt eine große Lücke, aber wir sind alle aufgerufen diese Lücke zu füllen so gut es geht, um sein Andenken zu bewahren. Ich trauere um einen großen Künstler und einen herben Verlust für die kulturelle Landschaft dieses Landes. Christoph, wir werden dich vermissen.

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Label des Monats: Warm Communications

Der US-Bundestaat Texas ist innerhalb der elektronischen Musik eine echte Diaspora. Sucht man nach Labels von internationalem Format, findet sich zunächst nur Down Low Music, die sich “preserving the spirit of deep music” auf die Fahne geschrieben haben und diesen Anspruch mit Platten von u.a. Arne Weinberg, Nebraska und Convextion auch recht überzeugend umgesetzt haben. Letzterer stammt aus Dallas und ist damit auch schon der einzige ernstzunehmende Produzent aus dem Cowboy- und Ölstaat. Ob Down Low mittlerweile eingestellt wurde, ist allerdings nicht sicher, stammt doch der letzte reguläre Release aus dem Jahr 2007.

Eine ähnlich lückenhafte und erratische Veröffentlichungspolitik verfolgt auch das zweite texanische Label Warm Communications. Das wars dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Warm Communications wurde vor zehn Jahren von Heath Looney in dem zu einer Stadt aufgeblasenen Rinderverladebahnhof Amarillo im Nordwesten des Landes gegründet. Bereits die erste Veröffentlichung der Westcoast-Drum&Bass-Größe ASC machte deutlich, worum es bei Warm Communications geht: eleganter Drum & Bass voll melodischen Synthlines, sonnenaufgangstauglich und immer der bewährten Good-Looking-Records-Tradition verpflichtet. P.B.K. (Pader Born Killers) mit ihrem tollen Ambient-Stepper Nightfall und Sebastian Ahrenberg alias Seba aus Schweden knüpften nahtlos an dieses Level an, auch danach blieb die Qualität durchgängig hoch.

Pech bloß, dass Drum & Bass danach mitten in eine aufmerksamkeitsökonomische Dürreperiode geriet, aus dem er sich erst jetzt langsam wieder befreit. Nach Jahren mit zwei oder gar nur einem Release pro Jahr tut sich endlich auch in Texas wieder etwas. Künstler wie Instra:mental und dBridge haben gezeigt, wie “Dubstep-kompatibler” Breakbeat heute klingen muss. DJG hat mit dem bereits an prominenter Stelle gepriesenen Hydrate den ultimativen Blueprint für diesen Sound geliefert: Die Bässe zielen immer noch direkt Richtung Magengrube, die Pads schimmern wie feinpoliertes Chrom, aber das Tempo ist deutlich reduziert, die Hallräume dehnen sich entspannt in die Breite.

DJG - Hydrate - WARM016 *Clip by Warm Communications

Seba legt ab Mitte August auf der Warm 017 nach, zeigt sich in zeitgemäßem Garage-Gewand mit der Bassline des Jahres dekoriert auf der A-Seite und beschert uns auf der Rückseite die längst überfällige Breakbeat-Version von Larry Heards ollem Gassenhauser “Can You Feel It”. Let there be Warm!

Seba - Never Let You Go - WARM017 *Clip by Warm Communications

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In The Mix: Moby - Oldschool Rave Mix

Who Loves You and Who do you Love?
Damian - Running Man

Mit dem Sample des Showmaster Damian aus dem Schwarzenegger-Film ‘Running Man’ - aus dem auch die tolle Showidee ‘Climbing for Dollars’ stammt - beginnt der fantastische Oldschool-Rave Mix von Moby.

Moby hatte sich mit seinen gesampleten Gospelgesängen, die erstaunlicherweise keinen Justizskandal wert waren, für mich schon unmöglich gemacht, kommt aber jetzt mit einem Mix um die Ecke der 1:1 aus meinem Platten- und Kassettenschrank stammen könnte.


Moby - XLR8R Podcast
[via xlr8r.com]

Die Playlist ist der Hammer: Messiah, Mentasm, Altern8, Mobys letztes richtig gute Stück ‘Next Is The E’, die leider etwas in Vergessenheit geratenen Niederländer Fierce Ruling Diva, die seinerzeit auf der Mayday für Furore sorgten, Bizarre Inc. und einige mehr. Bis auf die platt-dreiste ‘Strings Of Life’-Kopie von Hyper Go Go eine stilbildende Auswahl aus einer Zeit in der ich leider noch zu jung für den Club war. Auch die Kassettenmitschnitte von damals sind durch Bandrauschen und Entmagnetisierung eher unhörbar geworden. Umso schöner es jetzt dank Moby wieder auf den Kopfhörern zu haben. It’s time to start… running!

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Track und Session des Tages: Dorian Concept - Fort Teen

No Comment! Aber wer errät von welchem Künstler die Station ID / das Intro der FM4-Session ist, gewinnt eine CD von Wasserstoff. Einfach Antwort und e-mail-Adresse in das Kommentarfeld eintragen.

Interlude: Interview mit Dorian Concept auf shanghaiist.com

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Release des Tages: Wasserstoff - Formalist!

FORMALIST GRIME ist der programmatische Titel der neuen WASSERSTOFF-Serie des realvinylz-Autors Christian Ogrinz. In Referenz auf die Tradition der Ragga-7-inch (eine Reihe von Vinyl-Singles, die über denselben Beat verschiedene MCs passieren lässt) entstehen in Kooperation mit ausgewählten MCs Variationen über ein Thema:

Was an der ganzen Sache ‘formalistisch’ ist? Die Arbeitssituation, die Genese der Tracks. Es treffen sich nicht alle im gleichen Keller und bauen das Ding. Es geht gewissermaßen um eine Vernetzung von Kellern. Von Zimmern und Studios. Um einen Kurzschluss von künstlerischen Konzepten und realen Persönlichkeiten. Das macht die Dynamik aus. Der stalinistische Kampfbegriff des „Formalismus“, der gegen die Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre gerichtet war und Hand in Hand mit dem schwülstigen „Sozialistischen Realismus“ ging, kann als Polemik verstanden werden, die auf eine sozialromantisierende „street credibility“ abzielt. Man soll sich da nichts vormachen: Rap ist nach wie vor ein Politikum, und Grime stellt wie HipHop einen realen politischen Akt dar.’
Christian Ogrinz

Formalist Cover

Produziert wurden die ‘Versions’ zusammen mit den Hamburgern Damn Dave und BenG aka Tohuwabohu, dem polnischen Rapper FS Dan und dem Mainzer MC Form.

Am 1. Mai erschien die erste Compilation dieser Art, FORMALIST! auf Metrofon.


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Mixtape Saturday: The Black Dog - Fact Mix 144

Black Dog Releases

Die IDM-Veteranen The Black Dog sind wohl am bekanntesten für ihre genrebildende LP Bytes, die in den frühen Neunzigern zusammen mit Surfing On Sine Waves von Polygon Window aka AFX Twin für musikalischen Aufruhr in meinem noch jungen Herzen sorgte. Die - damals noch um Ken Downie bereicherten - späteren Plaid-Gründer Ed Handley and Andy Turner entwickelten eine tighte Mischung aus laffen Breakbeats, Detroit Techno, Ambient und klassischem Minimalismus, der bis heute unzählige Musiker beeinflusste.

Black Dog Fact

Gerade erschien ihre neue LP ‘Music For Real Airports’ , eine Hommage an Brian Enos Opus Magnum ‘Music For Airports, auf Soma/Rough Trade und zur Feier des Releases gibt es eine Fact Session mit ausschließlich eigenen Produktionen und Remixen:


The Black Dog - Fact Mix 144
[via&download]

Tracklist:

01. Purity Device – The Thought Police (Bitten By The Black Dog)
02. The Black Dog – Tunnels Ov Set (Autechre Remix)
03. The Black Dog – Dada Mindstab (Live Mix)
04. The Black Dog – Future Delay Thinking (Live Mix)
05. Grievous Angel – Billy Preston (Bitten By The Black Dog)
06. The Black Dog – Floods (Surgeon Remix)
07. The Black Dog – Siiiipher (Bass Soldier Remix)
08. The Black Dog – Northern Electronic Soul (Claro Intelecto Remix)
09. The Black Dog – CCTV Nation (Redshape Remix)
10. The Black Dog – CCTV Nation (Slam Remix)
11. The Black Dog – Skin Clock (Silicon Soul Remix)
12. The Black Dog – Train By The Autobahn (8 Mile Remix by Rob Hood)
13. LFO – LFO (Bitten On The Sly By The Black Dog)
14. Slam – Azure (The Black Dog’s Corned Beefy Remix)

Interview mit The Black Dog

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Platte des Tages: moto-SLAVE - Weeks End

Eine echte Neuentdeckung - über die gemeinsame Begeisterung für Space Dimension Controller auf soundcloud.com - ist der in San Francisco lebende moto-Slave. Mit Space Dimension Controller teilt er die Leidenschaft seine Electrofunk/Acid-Soundscapes in einen Cyberpunk-Referenzraum einzubetten. Zwar fehlen die schönen Geschichten die sich z.B. auf dem Cover von Love Quadrant finden, aber die Musik und das Artwork lassen auch ohne narrativen Rahmen Bilder einer graffitiüberladenen Bar in einer retrofuturistischen Megacity entstehen.

moto-SLAVE - Weeks End by moto-SLAVE

Das Saxophon-Sample macht aus dem Track Weeks End das vorerst beste Stück des bei Gravity Halo Collective frei erhältlichen Albums. Ein ähnlich markantes Saxophon (oder eher eine Tröte) befindet sich auch auf einer der The Black Dog - Peel Sessions in dem Track Psycosyin und vielleicht hat das eine ferne musikalische Erinnerung getriggert.

Midnight Mass Cover

Midnight Mass ist ein Album wie eine Fahrt durch die dunkeln, neongesäumten Strassen der Megacity. 303 und Analog-Synths marodieren wie Motorrad-Gangs auf Designerdrogen und Italo-Disco im Ohr durch die synkopierten 808-Drums.

Download Midnight Mass

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