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Lieblingslied-Tag

Und weil pEtEr von den Blogrebellen gerade den Lieblingslied-Tag ausgerufen hat, gehen wir bei realvinylz.de auch schon steil, schließen uns dem Ganzen an und freuen uns auf eure Lieblingslieder.

Abgesehen davon, dass es viele Lieblingslieder gibt und diese gerne wechseln, so ist es doch oft ein Stück was als besonders prägend für das weitere Leben empfunden wird. Sei es als Einstieg in eine Szene, als Anstoß in irgendeine Richtung tätig zu werden oder ein ganz besonderer Moment mit der/dem Liebsten.

Um es kurz zu machen: Running war für mich die spontane Entscheidung Techno zu mögen. Torsten Fenslau ist bis heute der DJ, der nicht nur meine Art des Auflegens prägte, sondern auch als Produzent Maßstäbe setzte und ich kann mir durchaus vorstellen dass dieser Track auch heute noch im richtigen Moment funktioniert. Selbst in Berlin.

Vollgeladen mit den Bombendetonationen (??? Anm. Sub_Kid) und Samples aus dem Film ‘Blade Runner’ und Vangelis Melodie des dazugehörigen Soundtracks, Nosie Katzmanns Stimme, dem typischen Waldorf-Microwave-Bass, Detroit-Chords und einem hypnotischen Arpeggio erzeugt er eine tiefe Sehnsucht nach einem düsteren New York der Zukunft. Einfach unglaublich wie soundtechnisch perfekt diese Hymne bereits 1990 klang, vergleicht man den Produktionsstandard mit den typischen Technoplatten damals.

Diggin’ The Crates: Ultrahigh - Primitive Love [Force Inc. 069 - 1994]

[Ultrahigh - Primitive Love]

Definitiv einer der weniger beachteten Force Inc.-Releases ist diese hier von Cem Oral (Air Liquide, Jammin´Unit) und Roger Cobernus vom Winter 1994. Im Gegensatz zu vielen anderen EPs des Frankfurter Labels kam hier die zarte Seite des gerade aufstrebenden zweiten Acidhypes zum Vorschein. Statt 909-Snare-Gewitter mit harter Kick herrscht eine sanfte 808 vor, die im Break kurz in eine Elektrosause abdriftet. Die 303 darüber blubbert so zart wie ein kleiner Fischschwarm in tiefen Gewässern, in dem Bewußtsein, dass bald härtere und trockenere Zeiten kommen werden.

‘It’s In The Game’ steht dazu im vollen Kontrast: böse mit den eben beschriebenen Snares könnte es ganze Armeen davonjagen und dient zum völligst verspulten Aftermath im Kopf.

Tracks des Tages: Bandulu & Mr. Barth

Heute keine Platte des Tages, sondern einfach drei Tracks, die ich während des Omen-Abschieds hörte und fortan zwölf Jahre brauchte, bis ich gestern dank eines Facebook-Zufalls drauf gekommen bin.

Nachdem sich Väth seinerzeit gut einen abgeschreddert hat, kam ein Break und das Frankfurter Geknüppel mit den Terror-HiHats verwandelte sich in eine jamaikanische Fußballwiese (ohne die dazugehörige Homophobie) mit friedlichster Sonnenuntergangstimmung: Bandulu, die das Reggeatechno-Pendant zum Dubtechno des Basic-Channel-Umfeldes darstellen und nebenbei auch noch besser, tanzbarer und vor allem melodischer produziert und gleich zweimal hintereinander vertreten sind.

[Bandulu - Running Time, 1995]

Eine sommergefilterte Melodie, ausgelassene Grundstimmung in einer rough produzierten Hülle mit der nötigen Schmutzigkeit fängt nach knapp zwei Minuten an zu springen, wie das kleine Kind, das zum ersten Male eine Hüpfburg entdeckt. Fröhlich ausgelassen und der perfekte Übergang zum nächsten Stück.

[Bandulu - Isn't it Time, 1997]

Richtig gediegen und bekifft geht es wieder weiter mit Bandulu. Reggae mit Gesang, aber kein Roots, sachte auf einem Technobett getragen und ordentlich Echo zum Wegschweben.

[Mr. James Barth - Pay Me in Love, 1998]

Auf Mr. Barth aka Cari Lekebush kam ich dank T, bei dem wir Neujahr verbrachten und er es entsprechend der etwas müderen Stimmung zufällig auflegte. Im Originalset war der Track das erneute Zwischenstück zum Aufbruch. Noch verhallt-verhalten in den Vocals, stampfte der Bass wieder mehr vorwärts und bald darauf wurde weitergekloppt.

In dieser Kombination dürfte es wenig Besseres geben, zumal das während der Ausbildungszeit über Monate meine Feierabendmucke war.

Zum Set bei KFMW.

Diggin’ The Crates: Slowdive - 5EP + Remixes

Dass der Begriff ‘Chill Out’ heute semantisch verseuchter ist als ein durchschnittlicher Acker im Chemiedreieck zwischen Merseburg, Halle und Bitterfeld Mitte der 80er, lässt sich sogar im aktuellen ZEIT-Magazin nachlesen. Dass damit aber nicht schon immer klebrige Klangcollagen gemeint waren, die als akustisches Äquivalent zu Blümchentapeten durchgehen, ist auch klar. Nicht zuletzt die für Spätgeborene immer ein wenig romantisch-verklärt wirkenden, aber trotzdem verlockenden Forderungen nach der Rückkehr einer beatfreien Zone in Clubs, ließen den Begriff wieder stärker in den Focus rücken.

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Als Referenz werden dabei meistens Acts wie Global Communication, Future Sound Of London oder The Orb genannt, denen Anfang der 90er ein Update des Ambient-Sound eines Brian Eno durch sanfte Dub-, ‘Trance’- und Breakbeatelemente gelang. Eben jener Brian Eno produzierte 1993 mit Souvlaki auch das wohl bekannteste Album der Shoegazer Slowdive. Von allen Bands aus dem Creation-Records-Pool (My Bloody Valentine, Ride, Chapterhouse etc.) waren Slowdive schon zu dieser Zeit die ‘unrockistischte’, die Gitarren schwebten noch verwaschener im Hintergrund aus rosafarbenem Rauschen, Neil Halsteads und besonders Rachel Goswells Gesang schien noch körperlos-ätherischer als der ihrer Kollegen. Dies brachte ihnen auch zahlreiche Bewunderer im elektronischen Lager ein. Für einen Moment im Spätherbst 1993 lief der Weg von Slowdive plötzlich wie von selbst in Richtung Chillout-Floor.

Auf dem 5 EP betitelten 4-Tracker vollziehen Slowdive die entgültige Abkehr von ihren im Noiserock und Gothic liegenden Wurzeln hin zu einem somnambulen Driften zu in Watte gepackten Pulsschlägen, wie sie wenig später auch Wolfgang Voigt für sein Gas-Projekt verwenden sollte. Konsequenterweise veröffentlichte Creation quasi zeitgleich zur 5 EP auch eine 12-Inch mit zwei Remixen von Künstlern ihres elektronischen Sublabels Infonet.

Bandulu zerlegen ‘In Mind’ in ein Breakbeat-Gewitter der feinsten englischen Art inklusive sinustonartigen Einsprengseln und den majestätisch schwerelosen Flächen des Originals. Reload alias Global Communication alias Mark Pritchard und Tom Middelton gehen in ihrer Version noch ein wenig epischer zu Werke, lassen das Stück in einem Wirbel aus Synth-Arpeggien verglühen und streuen zum löschen ein wenig Sternenstaub darüber

Nach diesem eindrucksvollen Schulterschluss mit der damaligen Avantgarde der elektronischen Musik gingen Slowdive den neu eingeschlagenen Weg auf ihrem dritten und letzten Studioalbum ‘Pygmalion’ weiter, ohne jedoch ganz an die Genialität der ‘5 EP’ heranzureichen. Neben dem eher konventionellen Dream-Pop der Slowdive-Nachfolgeband Mojave 3 verfolgten die Bandmitglieder auch zahlreiche Soloprojekte, Halstead versuchte sich zuletzt 2008 mit eher geringem Erfolg als Singer/Songwriter.

Mark Pritchards Strom an qualitativ hochwertigem Output reisst dagegen bis heute nicht ab, egal ob er Dubstep für Malas Deep Medi Music oder Kode9s Hyperdub veröffentlicht, oder sich als Harmonic 313 auf Planet Mu um retrofuturistische Beatforschung kümmert.

Diggin’ The Crates: Fennesz - Endless Summer

Zwei Drittel des Covers Himmel, ein Drittel Wasser. Die Sonne steht für Sonnenuntergangsverhältnisse noch ziemlich weit hoch am Himmel, von links und rechts schieben sich gemütliche Abendwolken in das Bild, die weder besonders schlechtes noch besonders gutes Wetter, vielleicht lediglich ein bisschen Kühle verheißen. Der Himmel hat den leicht magentastichigen-orangefarbenen Teint den er auch hierzulande an Baggerseen annehmen kann, jedoch würde ich den Enstehungsort des Bildes eher in Nordspanien vermuten. Für Europa sprechen die kontrollgesellschaftlich von unten-links nach rechts ins Bild ragenden Schwimmbereichsabgrenzungsbojen.

Fennesz - Endless Summer

‘Schwimmen über diesen Punkt hinaus auf eigenen Gefahr’ und sowieso ist die Badezeit für heute, vielleicht auch bald für den Rest des Jahres vorbei. Das Schöne in diesem Bild ist der Augenblick des Vergehens in der Versprechung der ewigen Wiederkehr eines solchen Moments und genau da korrespondiert das Artwork perfekt mit der Musik von ‘Endless Summer’.

Eigthy-8 - If you Think Radiohead’s KID A is Weird, Then You Should Really Hunt This Music Down ist ein Essaybuch von Paul Morley betitelt, indem er darüber philosophiert warum Radiohead mit KID A nicht ein halb so großes Risiko eingangen sind wie es manchem Rolling Stone-Leser vielleicht schien. Denn, so Morley, Radiohead riskierten lediglich ein Publikum zu verlieren und nicht jemals eines zu haben. Dann folgt eine Liste von 88 großen weirden Alben.

Endless Summer von Fennesz ist so ein Album, es ist für mich das endlich eingelöste Versprechen hunderter Minimal-Techno-Maxis, langweiliger Ambient-Collections und anstrengender Krachplatten. Hier ist die Drone, das Störgeräusch, die Statik, das Knistern einem einzigen Zweck untergeordnet: Die bestmöglichste, allgemeingültigste, verstörendste, atemberaubendste, herzstoppendste, monochromatischste, opakeste und fragilste Vision eines ‘Endless Summer’ hörbar zu machen. Ein Sommer der immer nur in der Erkenntnis seiner zeitlichen Begrenztheit so schön ist, dass man ihn für immer haben will. Was wiederum ein Widerspruch in sich ist.

So sind die schönen Momente, die Fennesz auf ‘Endless Summer’ erzeugt, auch unter diversen Klangschichten vergraben und man/frau muss sich den klanglichen Sonnenuntergang erstmal erarbeiten, bevor er in vollster Klarheit erscheint. Dann ist er auch manchmal schon wieder weg oder bleibt überraschend lange, wie in ‘Happy Audio’.

Eine *öhem*, ja, eine… Jahrhundertplatte.

Diggin’ The Crates: Tortoise - Millions Now Living Will Never Die

Auf dem Plattenteller liegt Millions Now Living Will Never Die von Tortoise und dreht sich. Die Platte müsste ich mir so im Jahre 1996 gekauft haben, wenn ich mich recht erinnere. Ich weiß noch, daß ich mich damit nach einer durchzechten Nacht zu einer Freundin geschleppt - die Platte hatte ich die ganze Nacht mit mir rumgetragen - und sie ihr zum Geburtstag geschenkt habe. Ich trug eine karierte Homeboy-Stoffhose, es war Sommer, ich war extrem entspannt, leider fanden die Beschenkte und ihr Freund die Platte nicht so toll.

Teile dieser Platte habe ich dann im Oktober diesen Jahres in einem Theaterstück in Altenburg unerwartet wiedergehört: ‘Die Nibelungen’ von Hebbel in einer Neuinszenierung von Amina Gusner und Anne-Sylvie König. Dazu Chicago-Postrock. Diese Platte ist einfach zeitlos. Zeitlos in dem Sinne, dass sie nie voll eingeschlagen ist - wiewohl sie Tortoise irgendwie weltbekannt gemacht hat - aber immer noch in einem Teil meines Bewusstseins weiterlebt. Bei jenem Theaterstück sind sofort tausende von Erinnerungen und Emotionen angetriggert worden.

Auf einem Tortoise-Konzert in der Kantine in Köln war ich mal rotzeblau und mein Kumpel Öpi und ich haben die Xylophon(!)-Passagen laut mitgegrölt. Das war zu Zeiten des Albums TNT und ich glaube wir haben die gediegenen Tortoise-Fans etwas irritiert. Tortoise und Tocotronic gehören übrigens zu der handvoll Bands die mir überhaupt mal ein Live-Konzert wert waren.

Auf dem hinteren Teil des ersten Viertels der ersten Seite läuft jetzt gerade eine verlangsamte und dadurch irgendwie ‘gedubbte’ Version des Eingangsstücks. Ist es eigentlich ein Verlust, dass man in den Zeiten von Digital-Downloads nicht mehr den physikalischen Ort eines Musikabschnitts innerhalb eines Gesamtwerkes angeben kann?

Auf der zweiten Seite - wieder so ein selten gewordener Terminus - befindet sich das dynamikverliebte Nicht-Song-Stück Glass Museum bei dem mich meine Mutter mal gefragt hat, ob das unsere Band sei, die das spielt. Ob sie weiß, dass ich weltberühmt wäre, wenn dem so wäre? Oder sind Tortoise maßlos überschätzt und meine Mutter ist die Einzige die es gemerkt hat? Oder hält sie mich heimlich für ein musikalisches Genie?

Den Muckerpart in ‘Glass Museum’ hätten sich Tortoise allerdings sparen können, er zerstört die Atmosphäre die die dekonstruktivistischen Songruinen vorher und nachher schaffen. Irgendwie klingt der Part wie ein letzter Aufschrei des Muckertums gegen die körperlose Gravität des Postrock. Insofern markiert Millions Now Living Will Never Die immer noch den Beginn einer Epoche die von Anfang an keine werden wollte.

Millions Now Living Will Never Die klingt wie eine Rundfunksendung aus dem All, bei der die Gitarrensounds an den scharfen Kanten von unzähligen Satelitten vorbeigeschrammt sind und dadurch zu einem nicht-essentialistischen, seiner Zeichenhaftigkeit beraubtem, reinen Sound geworden sind. Kein Blut, kein Schweiß, keine Tränen. Man kann eben nach Jimi Hendrix kein Gitarrenvirtuose mehr sein. Zumindest nicht im Diskurskontinuum von Tortoise.

Sampling Essay Vol.1

Public Enemy Releases

Während der Arbeit an meinem neuen Film, stoße ich hin und wieder auf Mikrostories populärer Samples oder inspirierende Sample-Genealogien, die ich in kleinen Essays auf der Website sammele. Volume 1 ist Public Enemy mit She Watch Channel Zero.

Das größte, most funky, most kickin’ Sample der jüngeren Musikgeschichte ist sicherlich der Funky Drummer von James Brown, ein Drumbreak aus dem gleichnamigen Stück, gespielt von Clyde Stubblefield auf dem Album In The Jungle Groove von 1970. Die Aufnahme wurde 1969 in Cincinnatti, Ohio erstellt und das Drumbreak ist seither von unzähligen Gruppen (2 Live Crew, 808 State, Coldcut, De La Soul, Fine Young Cannibals, George Michael, Madonna u.v.m.) gesamplet worden. (Ausführliche Liste hier)

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James Brown - Funky Drummer

Die radikale Rap-Gruppe Public Enemy deren Produktionsteam Bomb Squad eine eigene Version des Wall Of Sound entwickelt hat - eine spezielle Art harte, dissonante und unmelodische Sounds und Samples zu einer massiven Soundwand aufzuschichten - bediente sich ebenfalls reichlich an diesem Drumbreak.

In dem Track She Watch Channel Zero entwendete das Bomb Squad ein Stück aus dem Klassiker Angel Of Death der Trash-Metal-Band Slayer.

Die Gruppe Slayer fällt in Minute 1:40 kurz nach dem ersten Refrain in eine statische Schleife, in der das Hauptthema - zur kurzen Atempause vor dem nächsten Energiepeak - variiert wird. Hier hat das Bomb Squad zugeschlagen und zusammen mit dem Funky Drummer die Grundlage für den medienkritischen, leicht sexistischen Track She Watch Channel Zero konstruiert. Die radikale Form des rohen Heavy-Metal-Samples - übrigens eine Wortschöpfung von William S. Burroughs - wird benutzt um den radikalen Inhalt der Black Conscious-Lyrics ästhetisch auszukleiden, natürlich gewürzt mit einer Prise Funk.

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Public Enemy - She Watch Channel Zero (Snippet)