Eine der ganz großen Platten Ende letzten Jahres war die aktuelle Ornaments von Carlos Nilmmns, seines Zeichens Analogfetischist aus den UK. Fängt an wie morgendlicher Spaziergang durch das verlassene Detroit, mit dem Empfinden, dass man hat, wenn das zum Parkhaus umfunktionierte Central Theatre sieht: nämlich etwas retrofuturistisch anmutendes. Ein Opener, der wirkt wie eine bayrische Barockkirche für Kitschverfechter.
So kann Cavern auf die bereits etablierte Stimmung zurückgreifen, die nochmals getoppt wird, durch den slammenden, an Acid angelehnten Beat, der mit verlangsamtem Hall und dem Aufstieg eines Lichtphänomens, die fröhlichere Variante eines Alan-Oldham-Comics darstellt. Aber irgendwo hat das auch was japanisches, wenn zuerst ein temporeduziertes Glockenspiel in “From Sunset To Twilight” ins Spiel kommt, bevor die Geisha zum Housetanz in “Places and Spaces” lädt.
Den Abschied macht dann ein Outro, dass wiederum ganz Endsequenz eines Science-Fiction-Streifens ist, den man am liebsten sofort anschauen würde. Definitiv ein zukünftiger Klassiker und die perfekte Analogerweiterung für Ornaments nach Michals Roland Orchestra.
Die Geschichte meiner großen Leidenschaft für Cut n’ Paste-Musik muss neu geschrieben werden: Meine bisherigen Helden Double Dee & Steinski, Coldcut, Bomb The Bass und auch der frühe Westbam: alle nur Epigonen. Der wahre Ursprung des Sample-Edit-Wahnsinns ist diese Platte:
Ein Mix auf Schallplatte, zusammengeklebt an der Bandmaschine: Big Apple Productions Vol. 1 kam 1982 als Bootleg raus und war ein tightes Medley aus Dance-Hits der damaligen Zeit. Erstellt hat den Mix der New Yorker Szene-DJ der 80er Mikey D’Merola, auch wenn er auf dem Label nicht erwähnt wird.
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Viele der älteren Produktionen von Westbam wie z.B. Cold Train, The Roof Is On Fire und große Teile der ersten LP Westbam (u.a. Monkey Say Monkey Do) sind von diesem Mix inspiriert, obwohl anhand der Chronologie gemutmaßt werden darf, dass Westbam den Umweg über die oben genannten Coldcut gegangen ist, die sich ausgiebig am dritten Teil der Serie bedient haben, der seinerseits von Double Dee & Steinski inspiriert wurde.
Musik wurde selbstreferentiell und Cut n’ Paste-Produzenten der ersten Generation inspirierten kurze Zeit später die der zweiten Generation. Eine dritte Generation hörte davon und gelangte über die Collagen der zweiten an die “Originale” der ersten Generation. Oder alle haben einfach nur dieselbe Musik gehört, die in den Ohren der über 30jährigen von uns euphorisches Erinnern lostreten dürfte. Ich jedenfalls habe das ungekannte Vinyl direkt günstig über discogs.com erworben und damit eine krasse Bildungslücke geschlossen.
Tracklist:
Sharon Redd – Beat The Street
Heaven 17 – Let Me Go!
Rockers Revenge – Walkin’ On Sunshine
Planet Patrol – Play At Your Own Risk
Modern Romance – Can You Move
Hamilton Bohannon – Let’s Start The Dance
The Clash – The Magnificent Seven
Nancy Martinez – Can’t Believe
Pressure Drop – Rock The House (You’ll Never Be)
Afrika Bambaataa & Soulsonic Force – Planet Rock
Nairobi – Soul Makossa
Jonzun Crew – Pack Jam (Look Out For The OVC)
Man Parrish – Hip Hop Bebop
D-Train – Keep On
Barbara Norris – Heavy Hitter
Silver Convention – Get Up And Boogie
Aretha Franklin – Jump To It
Madonna – Everybody
Howard Johnson – So Fine
Unknown Artist – Untitled
James Brown – Sex Machine
Rockers Revenge – Walkin’ On Sunshine
Yazoo – Situation
Warp 9 – Nunk
Edwin Starr – Contact
Yazoo – Don’t Go
Videeo – Thang (Gimme Some Of That Thang)
D-Train – D-Train Dub (Remix)
Toney Lee – Reach Up
Michael Jackson – Don’t Stop Til’ You Get Enough
The Gap Band – You Dropped A Bomb On Me
Steve Miller Band – Abracadabra
ABC – The Look Of Love
Carol Jiani – Hit ‘N Run Lover
Divine – Native Love (Step By Step)
Bobby Orlando – She Has A Way
Paul Parker – Right On Target
Patrick Cowley – Megatron Man
Divine – Shoot Your Shot
Donna Summer – I Feel Love
Village People – Y.M.C.A.
Roni Griffith – (The Best Part Of) Breakin’ Up
Lime – Babe We’re Gonna Love Tonight
Patrick Cowley – Menergy
Patrick Cowley – Do You Wanna Funk
Lime – Your Love
Unknown Artist – Untitled
Hinein ins Feld der unbekannten Koordinaten aus Noise, Ambient, IDM, Cut-Up, also gemeinhin alles, was unter Electronica läuft, nimmt uns die Compilation aus dem Produzentenkollektiv, Musiknetzwerk und Label Unoiki mit. Von Dr. Nojoke über Superlauncher, Storlon, Offtopic und elf weiteren Artists kommen die Tracks, die von Zzzzra PierrotheMoon, Kimathir und anderen weltweit verstreuten geremixt wurden.
Die Compilation zeigt wieder mal deutlich, dass es abseits des Etablierten noch den “wirklichen Untergrund” gibt, der für Experimente und Anspruchsvolles zu begeistern ist. Hier ist jeder Track eine Perle für sich, die man erst über die Zeit entdecken muss. Ein Schmetterling braucht halt auch seine Zeit, bis er aus dem Kokon entschlüpft. Die Zeit nimmt man sich auch für die Verpackung, die passend zum Anspruch, aus einer selbstgebastelten Box besteht.
Die Bielefelder Formation The Von Duesz macht Live-Musik für den Club. Mit Beats (Florian Schäffer), Moog und Rhodes (Henning Rice), Saxophon (Ismail Özgentürk) und diversem elektronischen Equipment ausgerüstet improvisieren sie elektronische Tanzmusik.
Im Waschzettel beschreibt die Band sich als ‘aufstrebend’. So weit so redundant.
Den The Von Duesz gelingt es auf weiten Strecken das Konzept von loopbasierter Musik ohne Loops in die Livesituation zu übertragen. In den schlechteren Momenten wirkt das etwas verdaddelt, wie ein 2011er Update von Jazzrockmief und in guten Momenten wie hypnotisch vibrierender Hypermodern Jazz 2000.5, den Alec Empire schon 1996 auf der gleichnamigen Platte prophezeit hat.
Wenn die Band von Clubmusik spricht, meint sie damit aber weniger das Berghain, als den idealen, dunklen, ehrwürdigen Jazzkeller mit gleichermaßen tanzwütigem wie eklektischem Publikum.
Die CD Dynamo funktioniert als Demonstration des Reifungsprozesses, denn während (It’s like Grand Central Station) noch etwas uninspiriert wirkt, sind CD-chronologisch ’spätere’ Tracks wie la Menthe und Von Güte unwiderstehlich.
la Menthe sitzt auf einer Rhodesfigur und einer trockenen Bassline, die das melancholisch-stoische Grundgerüst liefern auf dem sich Drumarrangement und Saxophon ausprobieren dürfen. Zarte Handclaps, zischend-synthetische HiHats und eine klappernde Snare. Das ist der Sound zu dem die etwas überbewerteten Cobblestone Jazz hinwollen und bei dem The Private Lightning Six schon mal angekommen waren.
“Frei von Loops” schreibt die Band. Das gefällt mir nicht, klingt nach einem Authentizitätsversprechen aus vergangenen Tagen. Ohne die Vorarbeit von Tapeloops und klassischem Minimalismus, ohne die Bandschleifen die auch Miles Davis Bitches Brew zu dem gemacht haben was es ist, gäbe es The Von Duesz schlichtweg nicht. “Eine intuitive und versunkene Suche nach dem hypnotischen DJ-Set ohne Platten.” Klingt gut. Ob ich einen “gesunden Dancefloor” will, weiß ich allerdings nicht, auch nicht was ein “computerisierter Sound” ist. Ich glaube, wenn sich die The Von Duesz von derartigen Handgemacht-vs.-Computermusik-Dichotomien trennen können, wird das eine großartige Band, bereit für das 21. Jahrhundert: Eine Fusion von Krautrock und Dubstep, House und Bauhaus. Wunderbar!
Schon wieder ein neues Release des umtriebigen Produzenten Christian Ogrinz aka Wasserstoff aus Berlin-Weißensee, der übrigens auch die Titelmusik für Collage culturel produziert hat.
Der Künstler selber über die Einflüsse von New Wave, Dark Wave, Gothic und Punk Rock in seinen Berlin Dubstep Tunes:
“Die Bedeutung von Religiosität als tragendes Element von Reggae und Dub in Bezug auf den Erfolg von Dubstep finden wir in Gegenstücken der 1980er Jahre wieder – Dark Wave und Punk. Diese beiden Musikrichtungen propagieren eine Abkehr von unserer heutigen, westlich geprägten Zivilisation in ihren sinnentleerten Formen. Todesschau und Anarchie kann man auch als greifbare transzendentale Konzeptionen verstehen. Ich versuche, diese Phänomene einer kulturellen Krise mit der Energie einer im Aufbruch befindlichen säkular-mystischen Strömung zu kollidieren.” Christian Ogrinz
Was macht eigentlich Netaudio? Von dem großen Hype Mitte der Naughties blieb leider nur wenig übrig. Um viele der Hauptprotagonisten ist es ruhig geworden. Echt sehr schade. Kann es aber auch verstehen, dass viele Interessierte nicht die Muße haben, sich tonnenweise durch den ganzen Müll zu wühlen, um dann hin und wieder ein paar Perlen zu entdecken.
Grundsätzlich finde ich die Idee dennoch Klasse. Und um diese weiterzuverbreite dreht sich im neuen Slidecast (wieder ein neues Wort gelernt) von To4ka alles ums Thema Netaudio in Berlin. Wahrlich nicht neu. Und schade, dass in dem deutsch-russischen Format zwei der drei Artists von Ideology sind. Klar ist Ideology durchweg gut, nur zählen sie eh schon zu den sehr bekannten in der Szene. Wirklich eine Neuentdeckung ist aber adamned.age aka Hanne Adam, die sich neben den Labels Dub One! und Kosmonaut kurz vorstellt.
Auf Camomille erschien ihre LP Fragile [Download], die sehr ruhige Electronica, fast schon Chill-Out, produziert und dabei gerne ein Klavier dabei hat. Zwar fehlen auch hier die für Netlabel-Chill-Out typischen Digitalknackser nicht, doch sind diese so im Hintergrund, dass kein Gefühl von Kälte aufkommt. Spacefeeling dafür schon. EIn Album, das beim ersten Hören bereits alles sagt.
Passiert nicht mehr so oft. Und wem es nicht direkt gefällt: Tja, wir haben Frühling, heute nicht, da geht es, ansonsten im Herbst wieder auskramen, denn ein Album für chillige Tage am Baggersee/auf der Sonnenblumenwiese ist es nicht. Doch wer will schon bis zum Herbst warten, wenn der Winter gerade wegzog.
The Analog Roland Orchestra aka Michal Matlak setzt, wie der Name schon erahnen lässt, auf klassische Qualitätsprodukte der analogen Ära. Als eifriger Sammler und Besitzer von dreißig Geräten aus den Jahren 1977-1988, ist bei Matlak die Auswahl dementsprechend groß. Doch analoge Kisten muss man auch bedienen können und dies kann er außerordentlich.
‘Timespaceroom’ erinnert ein wenig an den Delsin-Sound und ist Detroit, getragen von einer würdevollen Fläche und einem hypnotischen Vocal, das von maschinistischer Eleganz nur so strotzt und deswegen auch Oldskool in allerbester Weise. Ein echter Killer. Im Reshape fliegen die Flächen raus, stattdessen schütteln sich die Chords am Rand warm und geben dem breiten Lead die volle Aufmerksamkeit und das knallt umso mehr. Riesige Platte.