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Platte des Tages: Octave One - I believe (Sandwell District Remix) [2011, 430 West]

sdbelieve

Das Techno inzwischen eine reine Retroveranstaltung ist, haben Regis und Function schon lange begriffen und setzen genau da an, wo sie - zumindest bei Function - vor ein paar Jahren aufhörten: Im 90er Techno, dessen Spielregeln sie nicht nur beherrschen, sondern mitgestalteten. Und nachdem 2009 das Reanimationsjahr der alten Garde wurde (Adam Beyer, Luke Slater, Cari Lekebush), setzten 2010 Sandwell District und Chris Liebing nach. Dunkler, düster, roh … Berghaincharme eben. Dass es auch anders geht, zeigt ihr neuester Remix des zwei Jahrzehnte alten Octave One Klassikers I believe.

Beim ersten Hören fühlt man sich sofort in die Frühzeit von Techno zurückversetzt, als Detroit noch ein Mysterium und keine Flickr-Ansammlung von abandoned places war. Sehnsuchtsfläche und Sehnsuchtsvocal verirren sich im stillgelegten Teil einer alten Fabrik und lassen die einstrahlende Sonne voll entfalten. Riesig und schon der erste Anwärter auf den Remix des Jahres! Kein Aprilscherz.

Platte des Tages: Sub-Stance - Urban Sea [1993, Now! Records 017]

substance

Nicht nur DJ Dag ist ein großer Freund dieser Platte und verewigte sie auf der ersten HR3-Clubnight Mix-CD. Auch mir ist es eine untrübliche Freude (haha) dieses Schmuckstück 18 Jahre später in E10-freiem Vinyl zu halten. Klar, dass in diesem Jahr, seit Cosmic Babys Mörder-Arpeggios, jedes zweite Stück eben jene beinhaltete. Und der Vocalsound klingt auch nach 4 Voices ‘Eternal Spirit’. Dennoch ganz riesig und zumindest die Glocken waren noch lange vor Nikolai und Quench.

Platte des Tages: Mainframe - MF1 [1993, Mainframe 001]

mf1

Wiener Abfahrt. Zuerst ein sehr unbekanntes Label, das mit den nächsten beiden VÖs Technogeschichte schreiben sollte, als nämlich Ilsa Gold zuerst mit ‘Up!’ und dann mit ‘Silke’ die Zipfelmützenfraktion bis zum äußersten schwitzen ließ.

‘Hyperkarma’ strahlt immer noch sehr viel Deepness im weltaltlichen Sinn aus, während das ‘Antibiotic Prod.’ auf der A-Seite den perfekt antiseptischen Wavesound durch den Körper jagt. Definitiv ein Zeitdokument, einer Musik die es davor oder danach nicht hätte geben können.

Zum Runterkommen dann später was ruhiges von der Female Netaudiofront.

Platte des Tages: Emmanuel Top - Acid Phase [1994, Attack Records 94-003]

acidphase

Mit Bruno Sanchioni, einer der Produzenten von Age of Love (jener Track der durch den Jam & Spoons Remix schon seit seiner VÖ absoluten Klassikerstatus genießt), als Mentor, kann wenig schieflaufen. Und so katapultierte sich Emmanuel Top schon mit dem Frühwerk ‘Turkish Bazar’ an die Spitze der 94er Technocharts. Doch auch wenn dieses Stück den Anfang seiner Karriere markierte, gab es im selben Jahr noch eine ravigere Variante seines Schaffens, die noch viel stärker abgeht.

‘Acid Phase’ ist sozusagen die geballte Energie von Speed kombiniert mit dem Glücksfluss von Ecstasy, während das andere einen trancigen Meditationsfluss darstellt, wenn der erste Rausch abebbt und die Deepness um sich greift. Und so wundert es auch nicht, dass ‘Acid Phase’ in fast jedem Set von Mark Spoon zu finden ist. Eine bessere Abfahrt im Gray gab es bis auf die hauseigenen Klassiker wohl kaum. Vom Tempo moderat - und mir damals fast zu langsam - lässt es sich auch heute noch gut einbauen.

Mit Sanchioni sollte Top später wieder zusammenarbeiten und mit ihrem Projekt B.B.E. (Seven Days and one Week) machten sie dann endgültig die Nummer eins der Charts in halb Europa klar. Doch auch dort gab es - zeitimmanent - als Ausgleich das wahnsinnig trancige Fusion.

Platte des Tages: V.A. - The Napoli Connection [Drumcode, DC077]

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Napoli scheint wohl das italienische Stockholm zu sein, zumindest was die Musik angeht. Gleich vier lokal etablierte, die, bis auf Joseph Capriati, vielen außerhalb noch unbekannt sein dürften, finden sich auf dieser EP die arg loopasiert ist. Capriati überzeugt mit Tiefe auf der Kickdrum, einfach durchtanzen.

Und Rino Cerrone hat die Pole Postion gepachtet. Ein mächtiger Schieber bei dem wenig passsiert, aber wenn dann doch, dann knallt es richtig. Wobei knallen eher das Gehirn als die Sounds meint. Einfach enorm hypnotisch.

Sasha Carassi und Luigi Madonna überzeugen leider nicht. Standard-Drumcode-Techno einmal mit mehr Becken und einmal mit mehr Hall. Aber allein wegen Cerrone sollte man diese EP besitzen.

Drumcode

Platte des Tages: Joel Mull - Sensory [Truesoul 004]

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Nun endlich das Album von Joell Mull auf Truesoul. Wobei der Terminus Album trotz Intro- und Outrotrack nicht auf ein ganzes Konzept passt, ist es doch mehr eine Ansammlung von Clubtracks. Techno, nur weniger hart als der Output des Schwesterlabels Drumcode, der auch so gut geht.

Der bereits releasten Orgelkiller ‘Holographic’ und das topfschlagende ‘Danny Boy’ sind ebenso drauf, wie das housige mit den unheimlich geilen Vocals bestückte ‘Sunday2Sunday’, in dem eine Frauenstimme alle Wochentage aufzählt.

Einfach alles gute bis sehr gute Tracks, wobei das Highlight des Albums ein ChillOut-Stück ist. ‘Sensory’ erinnert an Weltraumabfahrten, Space Nights der 90er und ist der perfekte Ruhepool für Mitten in der Nacht. Killer!

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Platte des Tages: Blumfeld - Testament der Angst [EastWest 2001]

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Vor zehn Jahren ging’s dann auch grad garnicht mit dem Techno. Frankfurt hatte endgültig dicht gemacht und bis die Neuberliner ihre Keta-Spaßbremsen-Nullersound-Revolution starteten sollte noch ein Jahr vergehen. In Frankfurt (als ob es keine Boshaftigkeit auf dieser Welt gäbe) bretterte man unentschlossen zwischen Schranz und German Hardstyle hin und her. Das gab zumindest dem konventionellen, sich auf Rock beziehenden Pop eine neue Chance in meiner Kiste.

Das die Strokes mit ‘Is this It?’ endlich wieder die Energie versprühten, die eine Dekade vorher Nirvana zu Weltruhm brachte, war erfreulich, aber auch nur ein Retrophänomen (wurde ja auch symptomatisch für die Nuller). Etwas ganz anderes passierte dann bei meinen damals noch regelmäßigen Besuchen im Plattenladen:

Extrem genervt von dem Einheitsbrei griff ich voller Übermut und zugedröhnt von zuviel Spex-Lektüre zu einem Vinyl (Testament der Angst), das wenige Jahre vorher definitiv niemand auf diesem Medium veröffentlicht hätte. Und dazu noch Hamburger Schule. Aber interessant war’s dann doch. Also das Pendel ganz in die andere Richtung geschleudert, damit es Jahre später mit voller Wucht zurückkommt.

[Video via KFMW]

Ignorant und leicht prollig wie man mit um die 20 eben so ist, konnte man die Band Blumfeld - ohne sie zu kennen - als Pseudo-Germanistikstudenten beschimpfen, um sich bloß nicht verunsichern zu lassen. Oder dann doch über den Schatten springen und den Texten eine Chance geben, sich an die akustische Instrumente gewöhnen. Was sicherlich schwerer war, denn musikalisch ist das Album kein Meisterwerk: relativ seicht und extrem poppig.

Textlich schon anspruchsvoller. Mehr Kritik (allerdings nicht so unvereinnehmbar-intelligent wie bei den Hamburger Kollegen der Goldenen Zitronen) die sich an der Desinteressiertheit des marktförmigen Menschen abarbeitet, allzuoft dran verzweifelt und sein Glück in der zweisamen Liebe sucht. Dabei ist es eine sehr dünne Grenze zwischen Kunst und Kitsch in der sich Jochen Distelmeyer mit seinen Texten bewegt. In welche Richtung die jeweilige Grenze überschritten wird, muss jeder für sich selbst herausfinden.

Vielleicht war es aber auch genau die richtige Reaktion, auf die damals ausgerufene Spaßgesellschaft mit Depression zu reagieren. Und von der Zwischenmenschlichkeit würde heute viel mehr gebraucht werden, da aus der vermeintlichen Spaßgesellschaft eine Hassgesellschaft geworden ist, ohne jetzt in ein verpillt-kitschiges “All you need is Love” zurückfallen zu wollen.