Von mir unbemerkt hat der Street Art-Darling Banksy eine TV-Show in Großbritannien mit dem Titel The Antics Roadshow, ein “incomplete guide to total anarchy”, produziert. Sie lief am 13. August auf Channel 4. Der Sender fasst es so zusammen:
An hour-long special made by Banksy charting the history of behaving badly in public, from anarchists and activists to attention seeking eccentrics.
18.08.2011 - Das Video ist erst mal wieder entfernt, wenn es irgendwo wieder auftaucht erfahrt ihr es als Erste!
Dank ARTE Creative ist mein Film Culture Jamming jetzt - in einer Version mit CC-Musik - komplett online zu sehen. Nun wird wahrscheinlich mein DVD-Verkauf gegen Null gehen, aber Filme macht man ja, damit sie gesehen werden…
Der Finne Risto-Jussi Isopahkala aka Logo Tourist ist in der Tradition des 90er Jahre Culture Jammings unterwegs und knüpft dabei an Werke von Künstlern wie z.B. Heidi Cody oder 01.org an.
Sein Ansatz ist es auf die zunehmende Verschränkung von lokaler Identität und geklonten kommerziellen Markenidentitäten hinzuweisen. Das ist nicht neu, allerdings kann moderne Kunst auch nicht oft genug auf die krassen Einschränkungen hinweisen die das Spektakel der Marken unsere Alltagskommunikation auferlegt. Das versteht jeder, dem nichts anderes einfällt als jemandem zu Dank eklige ‘Merci’-Schokolade zu schenken.
Logo Tourist mixt bekannte Sehenswürdigkeiten und signifikante Silhouetten mit kommerziellen Logos und weist dabei en passant darauf hin, dass die Stereotypen von Städten wie Paris oder Berlin auch nur Icons sind. Sie können prinzipiell überall hin transferiert und konsumiert werden. Identität vermittelt sich über Konsum, mithin können wir garnicht mehr anders als unser Persönlichkeit über Konsumvorlieben zu entwerfen.
Im Sommer des Jahres 2010 haben sechs Künstler die sich kaum kannten auf eine Reise nach Tschernobyl begeben. Ziel war einen geheimen Plan C zu entwickeln. Sie kamen aus verschiedenen Teilen Europas und der Vereinigten Staaten und hatten eine Verabredung. Niemand kannte das endgültige Ziel der Reise oder den genauen Plan. Ihren Freunden hatte sie vage Geschichten über das ‘Betreten einer Zone’ und das ‘Werfen von Schraubenmuttern’ erzählt. Alle waren von dem Film Stalker des Regisseurs Andrei Tarkowski besessen.
Hinweis 2: The Park
In der Zone angekommen warfen sie ihre Schraubenmittern. Vielleicht um eine Antwort auf die Frage zu finden, was sie in den verlassenen Freizeitpark der Geisterstadt Pripyat getrieben hatte. Sie fanden was sie suchten: The Red Ride. Einer von ihnen wurde von der Strahlung kontaminiert. Viel Material verließ die Zone an diesem Tag, wo es schließlich landete ist noch unbekannt…
Hinweis 3: The Ride
Bevor sie wieder abreisten verließ ein ländlicher Traktor die Zone in Richtung Westen. Einen Monat später tauchte eine Menge Altmetall in einem Lagerhaus in Manchester auf. Die Künstler zogen in das Lagerhaus und begannen Tag und Nacht am ‘Liquidator’ zu arbeiten. Nach zwei Wochen war die Arbeit beendet. Die merkwürdige interaktive Skulptur ist am 1. Oktober im Whitwort Park in Manchester aufgestellt worden. Die Künstler von Plan C bestreiten, dass der ‘Liquidator’ radioaktiv ist.
“The idea came after meeting sculptor James Acord, the only individual licensed to work with radioactive materials” said Eva Mattes “He thinks that it’s inevitable that artists use the materials of their age. I was ten when Chernobyl’s radioactive cloud flew over my head, and into my thyroid”.
“Thousands of tons of radioactive scrap metal leave the Zone everyday to be sold to the Russian and Chinese market and eventually come back to us in the form of spoons, pots and sinks”, declared Franco Mattes “Radioactivity has no border. So we must probably just get used to it, starting from the younger generations”.
Zwei neue Aktionen der beiden Alpha-Prankster 01.org und ubermorgen.com flatterten mir in der letzten Woche ins Haus:
ubermorgen.com - Oil Painting: The Supreme Discipline Of Art
Die Meisterdisziplin der Kunst, das Ölgemälde ist zurück. Vor 13 Tagen ist ein Bohrturm einer BP Öl- und Gasplattform in Flammen aufgegangen, gesunken und hat 11 Menschen getötet. Das auslaufende Öl führte zu einem ökologischen Disaster von historischem Ausmaß. Die Küsten von Louisiana, Alabama und Mississippi sind bereits vom Öl ‘gezeichnet’. Das Ölgemälde ist zu einer generativen Biokunst geworden, der die Weltöffentlichkeit via Massenmedien zuschauen kann. Ein Ölgemälde von 80.000 Quadratmeilen Ausmaß gemalt mit 32 Millionen Litern Öl - ein einzigartiges Kunstwerk.
Die Künstlergruppe ubermorgen.com, die ich bereits in meinem Film Culture Jamming portraitierte, nutzte die ‘Readymades’ der Luftbildaufnahmen der Katastrophe und manipulierte sie digital um die Entfremdung von Farbe und Form zu kommentieren. Mit einer Kompressor- und einer Consumer Video Editing Software wurden Miniloops erstellt, die die Verkünstlichung der Natur und die Vernatürlichung der Kunst visualisieren.
I saw the NASA earth observatory images and I was blown awa. Finally traditional painting made its comeback as a high-tech innvovative art form and not as the starving grandparent of photography, video, digital art and performance. As a former painter I am thrilled and as a digital artist I want to work this material until it bleeds. lizvlx von ubermorgen.com
Natürlich wure die reflexhafte Kritik an der Gleichsetzung von Naturkatastrophe und Massenmedienspektakel mit der jahrhundertealten Tradition des Ölgemäldes schon kurz nach der Veröffentlichung laut: Die europäische Techno-Avantgarde attackiere die Traditionen des Kunstgeschäfts. Mal wieder!
ubermorgen.com dürfte das nach ungleich radikaleren Erfahrungen in der Vergangenheit wie z.B. dem legendären Prank voteauction kaum beunruhigen.
Auch vom italienischen Künstlerduo 01.org gibt es Neuigkeiten:
ARTIST COMMITS SUICIDE ONLINE AS A WORK OF ART
Tausende von Nutzern der neuen Hypewebsite chatroulette.com konnten am 30. April eine männliche Person beobachten, die, scheinbar leblos, an einem Strick an der Decke baumelte. Der Mann war der, mittlerweile in Brooklyn lebende, Künstler Franco Mattes und die Szene natürlich ein Hoax. 01.org haben diese Performance voraufgezeichnet und online gestellt. In dem Video ‘No Fun’ kann man nun alle möglichen Reaktionen von Gelächter, Unbeweglichkeit und mit ihren Mobiltelefonen fotografierenden Kids beobachten. Nur einer von vielen tausend Menschen kam auf die Idee die Polizei zu rufen.
Wie schon in ihren früheren Aktionen sehen sich Eva und Franco Mattes mehr als Zuschauer denn als Aktivisten oder Provokateure:
Since we live online than we should get used to die online. Franco Mattes von 01.org
‘No Fun’ wirft ein paar beunruhigende Fragen über die Hyperrealität der zeitgenössischen Mediensphäre auf. Unsere täglichen Jagd nach Medienaufmerksamkeit (oft getarnt als Suche nach authentischer Kommunikation) wird zu einer narzißtischen Endlosschleife in der man den anderen am Ende nicht mehr wahrnehmen kann (oder will)…
In beiden Fällen ein schönes Update von Netart in der zweiten Dekade des neuen Jahrhunderts, aber irgendwie wirken die Pranks auch seltsam zahnlos und verpuffen an der opaken Oberfläche des Cyberspace. youtube hat das ‘No Fun’-Video jedenfalls schon verbannt, was 01.org wiederum mit diesem Kranz feiern:
‘Die Blogsphäre hat so gut wie keine gesellschaftliche Relevanz’ ist doch auch mal eine Erkenntnis…’ SubKid via twitter.com
Das Ergebnis der vergangenen Bundestagswahl war ein Schock für mich. Nicht weil ich noch der große Umwälzer der Verhältnisse oder Salonbolschewist wäre, der ich vor einigen Jahren war, sondern weil ich aus dem Aufstieg der FDP und der anhaltenden Erfolge der CDU nur einen Schluss ziehen kann: Der Großteil der Deutschen scheint sich gesagt zu haben: ‘So jetzt ist Schluss mit Solidarität und Engagement für randständige Themen. Ich muss mein Geld zusammenhalten und es nicht von Politikern verpulvern lassen. Weniger Steuern klingt gut und ich zieh’ noch das letzte bisschen Geld aus dem System, bevor der Laden hier dichtmacht.’
So zumindest erkläre ich mir die ultimative Bejahung eines Politik- und Wirtschaftsverständnisses, dass die Finanzkrise erst möglich gemacht hat und sich jetzt in die Knochen des bürgerlichen Subjekts fortpflanzt. ‘Der Ehrliche ist der Dumme’, wie Ulrich Wickert sagen würde, als Ausrede für den Zukurzgekommenen, es jetzt den Großen gleichzutun. Umso glücklicher bin ich über das Gegengewicht in Form eines Kongresses der am Wochenende an der FU Berlin stattfindet.
Wenn alle im Tigerentenclub sind, dann muss ich wohl wieder stärker in die Opposition, deswegen bin ich mit Film und Workshop dabei:
FILM: “CULTURE JAMMING“
mit David Schwertgen (Dipl.-Ing. Photoingenieurwesen und Medientechnik, freier Autor, Regisseur und Blogger)
Die Dokumentation Culture Jamming verfolgt die subversive Kulturstrategie des 21. Jahrhundert von den Anfängen bei Marcel Duchamp und der Situationistischen Internationalen bis hin zum postmodernen Info-War. Culture Jamming verbreitet virale Information, gefakte Medienkampagnen oder Websites, um die Massenmedien zu jammen. (www.culture-jamming.de) Samstag, 10-11 Uhr (Input), Raum K 24/21
DISKUSSION: “CULTURE JAMMING“ Medienaktivismus im 21. Jahrhundert
mit David Schwertgen
Im Anschluss an das Screening werden wir darüber diskutieren, inwieweit ästhetische Subversion für linke Politik sinnvoll sein kann. Ausgehend von der Suche einer Utopie in Debords ‘Gesellschaft des Spektakel’ und Ecos Anmerkungen in dem Essay ‘Die Fälschung und der Konsens’ ist die Fragestellung, ob eine Kritik der “Kommunikation über die Warenzirkulation” eine gute strategische Option sein kann. Samstag, 11.15-13 Uhr (Workshop), Raum K 24/21
Der italienische Konzeptkünstler und Performer Janez Janša, der seit 1995 in Ljubljana, Slowenien lebt, verwirklicht in seiner Arbeit einen stark intermedialen Ansatz. Zu seinen Arbeiten gehören Videos, Installationen, Dokumentationen und Medienprojekte die u.v.a. auf der Transmediale.08 und der Ars Electronica zu sehen waren.
Die Arbeit ‘SS-XXX Die Frau Helga - The Borghild Project Reconstruction’ ist eine Dokumentation des Media Hoax, der mit der Website borghild.de begann. Auf der Website wird kolportiert, dass Naziwissenschaftler bereits 1941 die erste Sexpuppe der Geschichte entwickelt haben. Diese sollte den sexuellen Hunger der deutschen Soldaten im Krieg befriedigen, ohne ihre Gesundheit durch Geschlechtskrankheiten zu beeinträchtigen. Schnell als Hoax enttarnt, gibt es jedoch bis heute weder einen Beweis für die Wahrheit der Story noch für das Gegenteil.
Dieses geschichtlichen Schwarze Loch, das mittlerweile zu einem Selbstläufer im Internet geworden ist, wird bis heute von verschiedenen Seiten sowohl widerlegt als auch mit neuen Informationen angereichert. Janez Janša hat seinerseits durch neue Objekte, historische und dokumentarische Beweise und Details neue Spuren gelegt, die durch Journalisten und Fanatiker regelmäßig zu Tage gefördert werden.