Von manchen Klischees kommt man jahrelang nicht weg, weil sie sich häufig bewahrheiten. So auch hier wieder: Experimentelle Elektronika passt einfach besser zum Winter. Zum einen das Knistern, Klirren, Fiepsen, das Abstrakte, zum anderen die Wärme, die diese Musik trotz digitaler Kälte erzeugt. Hier sind ganz klar die Stärken des Sounds aber auch des Labels Unoiki. Redefinition heißt das Konzept, bei dem die ansässigen Künstler sich selbst remixen.
Schon das Slowmotion-Schlachtfilm-Intro bei dem düstere Fanfaren auf Lithium erscheinen, zieht einen in die Welt von IDM, Glitch, Clicks n’ Cuts und experimentellem Techno/House. Weiter geht es von froschigem CutUp über klonkigem House hin zu Storlons Click-Armada im Berk-Remix. Favorit ist Cleymoores Remix von Sul.a, der die Verträumtheit positiver Melancholie, begleitet von abstrakten Sounds, wie kein anderer versteht. Killer.
Urbanoise, der Keinzweiter bearbeitete, schafft den Spagat von Experimentell zu Dubstep auf eine Art, die man bei den bekannten Detroitsteppern nicht findet. Und J-Labs “Doubt” findet in The Marx Trukker das richtige kulturelle Kapital, um den Track wintertauglich mit Warp-Erinnerungen zu machen. Großartig, genauso wie das Packaging und Artwork.
Hinein ins Feld der unbekannten Koordinaten aus Noise, Ambient, IDM, Cut-Up, also gemeinhin alles, was unter Electronica läuft, nimmt uns die Compilation aus dem Produzentenkollektiv, Musiknetzwerk und Label Unoiki mit. Von Dr. Nojoke über Superlauncher, Storlon, Offtopic und elf weiteren Artists kommen die Tracks, die von Zzzzra PierrotheMoon, Kimathir und anderen weltweit verstreuten geremixt wurden.
Die Compilation zeigt wieder mal deutlich, dass es abseits des Etablierten noch den “wirklichen Untergrund” gibt, der für Experimente und Anspruchsvolles zu begeistern ist. Hier ist jeder Track eine Perle für sich, die man erst über die Zeit entdecken muss. Ein Schmetterling braucht halt auch seine Zeit, bis er aus dem Kokon entschlüpft. Die Zeit nimmt man sich auch für die Verpackung, die passend zum Anspruch, aus einer selbstgebastelten Box besteht.
Die IDM-Veteranen The Black Dog sind wohl am bekanntesten für ihre genrebildende LP Bytes, die in den frühen Neunzigern zusammen mit Surfing On Sine Waves von Polygon Window aka AFX Twin für musikalischen Aufruhr in meinem noch jungen Herzen sorgte. Die - damals noch um Ken Downie bereicherten - späteren Plaid-Gründer Ed Handley and Andy Turner entwickelten eine tighte Mischung aus laffen Breakbeats, Detroit Techno, Ambient und klassischem Minimalismus, der bis heute unzählige Musiker beeinflusste.
Gerade erschien ihre neue LP ‘Music For Real Airports’ , eine Hommage an Brian Enos Opus Magnum ‘Music For Airports, auf Soma/Rough Trade und zur Feier des Releases gibt es eine Fact Session mit ausschließlich eigenen Produktionen und Remixen:
Ein wenig skeptisch war ich schon, als ich im vergangenen Jahr in der April-Ausgabe der De:Bug ein Album namens “Tons Of Fun” eines gewissen Jean-Michel auf Platz 1 der Monatscharts entdeckte. Weder der Künstler noch das Label Onpa waren mir bis dahin ein Begriff. Thaddis euphorische Review dazu ließ zwar die Neugier weiter steigen, ohne allerdings die letzten Zweifel völlig zu beseitigen.
Als einige Tage danach eine Promo von “Tons Of Fun” beim Düsseldorfer Hochschulradio landete, für das ich zu dieser Zeit tätig war, lösten sich aber auch die in restlose Begeisterung auf. “Tons Of Fun” war wie eine Reise in eine Zeit, die man selbst nur aus Erzählungen kennt, in der Genregrenzen keine Rolle spielten, weil es die zugehörigen Genres noch gar nicht gab und die Musik von Autechre oder Aphex Twin wirklich wie das Versprechen einer besseren Zukunft klang. Dank stilsicherer Verweise auf Dubstep und einer erfrischenden Unbekümmertheit im Umgang mit Sounds kommt trotzdem keine Sekunde Nostalgie auf.
Kurze Zeit später hatte ich den Mann hinter Jean-Michel für ein Interview am Telefonhörer. Wegen eines Serverumzugs des Hochschulradios und eines längeren Auslandsaufenthalts meinerseits blieb das Interview leider lange verschollen. Allen ungeschriebenen Aktualitätsgeboten der Bloggerszene zum Trotz poste ich das Interview hier aber trotzdem in voller Länge.
Stell dich bitte zuerst einmal vor. Wer steckt hinter dem Projekt Jean-Michel?
Hinter Jean-Michel stecke zunächst nur ich, Thomas Bücker aus Münster. Ich bin 34 Jahre (Stand Juli 2009) und arbeite hauptberuflich als Grafikdesigner. Wie viele schon richtig vermuten leitet sich der Name Jean-Michel von Jean-Michel Jarre ab.
Als ich etwa 13 Jahre alt war, bin ich das erste Mal über Jean-Michel Jarre mit elektronischer Musik in Berührung gekommen. Meine allerersten Demobänder in der Schublade klingen auch tatsächlich wie Oxygen & Co. 1999 habe ich dann mein erstes Album auf dem mittlerweile aufgelösten Label Eleganz Records veröffentlicht und den Labelbetreibern hat mein „Spitzname“ so gut gefallen, dass wir dabei geblieben sind.
Jean-Michel ist aber eigentlich ein Hybridprojekt, neben dem Studio-Jean-Michel gibt es noch Jean-Michel live, eine Live-Umsetzung der Musik mit richtiger Gitarre, Bass und Schlagzeug. Musikalisch sind das durchaus zwei verschiedene Paar Schuhe, aber mir gefallen sie beide.
Münster ist nicht unbedingt als Hochburg elektronischer Musik bekannt. Hat dich die Tatsache, dass du abseits der großen Metropolen lebst, in deiner Herangehensweise an elektronische Musik beeinflusst?
Ich versuche mich generell nicht so sehr an Trends zu orientieren, sondern eine breite Palette an Stilen in meine Produktionen einfließen zu lassen. Vielleicht ist aber die Nicht-Beeinflussung auch schon wieder ein Einfluss, da bin ich mir nicht sicher. In Münster habe ich auf der „Beats beyond the Underground“-Partyreihe im Gleis 22 als einer der ersten Breakbeat und Drum & Bass aufgelegt. Derzeit versuche ich ein wenig Dubstep zu etablieren. Leider gestaltet sich das schwierig, was ich schade finde, wenn man bedenkt, dass Dubstep mittlerweile nicht nur in Berlin ganz gut ankommt, sondern auch in anderen Teilen NRWs wie z.B. Düsseldorf.
Um auf deine Einflüsse zu sprechen zu kommen: Ich höre viele Bezüge zum klassischen IDM, Aphex Twin, Autechre. Kannst du mit diesem Begriff etwas anfangen?
Es ist natürlich hilfreich, gewisse Begrifflichkeiten zu haben. Schubladen sind gut, trotzdem nehme ich mir selbst die Freiheit, mich aus verschiedenen Schubladen zu bedienen, deshalb haben viele Probleme, die Musik eindeutig abzulegen. Mir gefallen da so Phantasiebegriffe wie „Frickelbumms“ fast schon lieber als IDM oder Electronica.
Dein Sound klingt sehr organisch. Setzt du noch auf analoge Geräte oder produziertst du ausschließlich digital?
Ich habe vor einigen Jahren mein gesamtes analoges Equipment auf Ebay verscherbelt. Komponieren und arrangieren geschieht nur noch am Rechner, weil man einfach alle Parameter besser kontrollieren kann. Im Zuge der Digitalisierung kann man sich immer mehr Technik leisten, was den Blick auf Details frei macht. Früher mit einem Atari ST und MIDI-Recording war das nicht möglich. Trotzdem habe ich natürlich eine Vorliebe für analoge, warme Sounds und nutze deshalb auch Fieldrecordings.
Immer wieder trifft man bei dir auf eine gewisse Ironie, sowohl bei Titeln wie „Aufstand der Knöpfchendreher“ als auch in der Verwendung bestimmter Sounds…
…das ist gut, dass du darauf hinweist. Schon allein der Album-Titel „Tons Of Fun“ deutet das ja an. Trotzdem ist mir wichtig, dass es eine zweite Ebene gibt. Ich habe ein Video gedreht, in dem sich Hochglanzfimenlogos um sich selbst drehen. Was genau die Message sein soll, weiß ich auch nicht, aber es ist vielleicht nicht alles nur ein Riesenspaß.
Freust du dich über die so massive Rückkehr von Breakbeats in den letzten Jahren nach der langen Dominanz des 4/4-Taktes?
Auf jeden Fall! Trotzdem bin ich kein 4/4-Gegner. Positiv überrascht hat mich, dass Minimal so populär geworden ist, für mich war das Mitte/Ende der 90er ja immer noch Nischenmusik. Mich interessieren aber oft die Sachen die ein wenig am Rande passieren. Total geflasht hat mich im letzten Jahr (2008) der Holländer 2562 mit seinem Album „Aerial“. Das war für mich ein Meilenstein in Sachen Produktion und Klarheit. Das “Tons Of…” nicht genauso klingt ist eigentlich schade… (lacht).
Früher haben mich Jan Jelinek und sein Farben-Projekt begeistert. Beim Versuch, auch mal so einen Track zu machen, bin ich aber gescheitert. Oft entsteht so aber etwas Neues. Man sollte einfach den Mut haben, dass dann trotzdem so stehen zu lassen.
Fehlt dir diese Experimentierfreudigkeit in der gegenwärtigen Clublandschaft?
Ich würde mir wünschen dass wieder mehr aus unterschiedlichen Spektren der elektronischen Musik geschöpft wird, dafür gibt es viel zu viel gute Musik. Derzeit habe ich ein Faible für wonky HipHop, fette, überkomprimierte Beats. Ich war kurz davor mir ein Ticket nach Los Angeles zu besorgen, um mir mal die Szene um Flying Lotus anzuschauen, nachdem ich ein Video von Mary Anne Hobbs darüber gesehen habe.
Wie steht es um dein Live-Projekt? Könnte davon in Zukunft auch etwas auf Tonträger gebannt werden?
Durch die Instrumentierung bekommt die Musik live einen ziemlich großen Indie-Touch. Mir gefällt das, denn in diesem Postrock-Umfeld fühle ich mich rein geschmacklich auch sehr wohl. Meine Bandmitglieder drängen darauf, auch mal etwas davon aufzunehmen. Ich finde an einem Konzert aber gerade das Tolle, dass es ein einmaliges, nicht konservierbares Erlebnis ist. Ausschließen möchte ich aber nichts.
Anmerkung: Ein wenig schade ist es, das vielen Bookern offenbar noch immer der Mut fehlt, einer Formation wie Jean-Michel einen Platz bei einem Clubabend einzuräumen. So verwundert es wenig, dass sich die meisten Live-Auftritte bisher eher im Konzertkontext abspielten. Neben einem Gig beim Dortmunder Juicy-Beats-Festival im Sommer spielten Jean-Michel im letzten Herbst auch als Support der Düsseldorfer Krautelektroniker Kreidler. Was man bei Jean-Michel live ungefähr erwarten kann, lässt sich in diesem Video bestaunen:
Einer meiner ersten Bezahl-Downloads war das Album A Certain Distance von Lusine. Die Schmach noch nie von dem in Seattle wohnenden Texaner Jeff McIlwain gehört zu haben mal beiseite gelassen, habe ich bei diesem Album ein seltsames Phänomen beobachten dürfen: Es war beim ersten und zweiten Hören sehr eingängig, was für mich immer schon verdächtig ist, da solche Alben ja auch schnell wieder langweilig werden können. Wie oft habe ich mich durch beispielsweise Fear Of A Black Planet von Public Enemy kämpfen müssen, bis ich es verstanden habe und es zu einem der besten Alben Ever wurde.
Solchermaßen verdächtigt lauerte A Certain Distance dann auf meinem Mobile Phone, um dann im ICE und in der S-Bahn nach und nach seine volle Wirkung zu entfalten. Man merkt Lusine an, dass sein ewig morphendes Musikprojekt, dass ihn schon über Downbeat, Ambient, Dancemusic und Pop geführt hat und nun zurecht bei Ghostly International gelandet ist, ein Reifungsprozess war.
Ihm ginge es mittlerweile mehr um Komposition als um innovative Sounds, sagte McIlwain unlängst in der De:Bug und das ist auch das Geheimnis der grossen Halbwertszeit seiner Tracks. Erst klingen sie gewohnt und eingängig und dann zünden sie ein zweites Mal in den für ausgefeilte Kompositorik zuständigen Gehirnwindungen. Bei meinem derzeitigen Lieblingstrack ‘Crowded Room’ rotiert z.B. plötzlich die Discokugel, als bei 1:20 ein abgefahrener Lead Synth die verhaltene Houseorgel und die Vocoder-Stimmen ablöst.
Anscheinend hat Lusine - von mir unbemerkt - wohl Ende Juni im Berghain aufgelegt, anlässlich der Ghostly International Party, aber dank Soundcloud ist dieser Mix für die digital Ewigkeit konserviert worden, auch wenn er laut Kommentar im Bergheim aufgenommen wurde, mit dessen Namen (und Türpersonal) wohl nicht nur Richie Hawtin Schwierigkeiten hat. In dem Mix findet sich auch eine Version des Albumhits Two Dots mit der kongenial arrangierten Stimme der Sängerin Vilja Larjosto.
Lusine ist war anscheinend auch in zwei Film Scores involviert und zwar Snow Angels von David Gordon Green und Linewatch von Kevin Bray.
Wer meinen twitter-Account verfolgt, der hat es ja schon vernommen: Ich bin jetzt Bezahl-Downloader bei boomkat.com. Und weil der Sinn der Aktion ja ist, endlich wieder eine subjektiv höhere Wertschätzung für die erworbene Musik zu entwickeln - Robert Kurz und Wertkritik ick hör dir aufstöhnen - bin ich natürlich auch ganz und gar begeistert von meinen beiden Neuerwerbungen.
Der vielfach abgefeierte Autoren-Dubstep-Produzent Martyn hat mit Great Lengths sein Opus Magnum vorgelegt, dass höchstens noch mit Burials beiden Alben in einem Atemzug genannt werden kann.
Neuerdings stelle ich mir beim Hören von repetitiver elektronischer Musik immer vor wie ich diese mit meiner Freundin oder meinem ehemaligen Mitbewohner, beide mit klassicher Musik sozialisiert, einer davon ausschliesslich, höre, und beide erst mal die metrische Strenge als einfallslose Partitur vor ihrem geistigen Auge sehen. Es ist natürlich so, dass diese Musik nicht ausschweifend, melodisch ausgefeilt und raffiniert komponiert sein will, sondern musikalische Ideen auf einem strengen Rhythmusraster ausprobiert. Mit der richtigen Portion Euphorie kann dies dann Leben retten, ohne essentialistisch zu werden. Man stelle sich einfach mal das einfache Volk aus der Zeit von Händel und Vivaldi mit Laptops und Ableton ausgerüstet vor…
Martyn importiert auf Great Lengths immer genau ein Stilmittel-Setup pro Track, seien es Chicago-typische Handclaps und mittige Snares, sowie Casio FZ-1 artige Mikrosamples in Elden St., Dave Clark Synth-Stabs in Vancouver oder Tribaldrums in Is This Insanity?. Das abgefeierte Natural Selection ist m.E. noch der schwächste Track auf den Album, während ich bei Right?Star! den 2Step-Orgasmus bekommen habe.
Mit Kettels - in einem merkwürdigen Cover daherkommenden - Follow-Up Myam James Part II könnten Freundin und Mitbewohner wahrscheinlich ungleich mehr anfangen, entwickelt Reimer Eising seine Tracks doch offensichtlich am Klavier und lässt es dann auch schonmal alleine oder mit Spinett- oder Violinbegleitung erklingen. Ansonsten lupenreine IDM mit Euphoriegarantie.
Der Glitch-Hop Tycoon Guillermo Scott Herren aka Prefuse 73 hat ein neues Album mit dem bezaubernden Titel ‘Everything She Touched Turned Ampexian‘ (eine Hommage an eine bezaubernde Tontechnikerin???) - in der Pipeline.
World Release ist der 20. April, Cover-Artwork und Tracklist sind schon bekannt und pitchforkmedia.com mutmaßt ein narratives Konzeptalbum über die Abenteuer des Robot-Astronauten auf einem “freaky-tree” Planeten.
Tracklist:
01 Periodic Measurements of Infrequent Smiles
02 Hairy Faces (Stress)
03 Parachute Panador
04 NoNo
05 Punish
06 Half Up Front
07 Sexual Fantasy Scale
08 DEC. Machine Funk All ERA’s
09 Get Em High
10 Ampexian Tribe of a Lesser Time
11 When Is a Good Time?
12 Fountains of Spring
13 Whipcream Eyepatch
14 Regalo
15 Rubber Stems
16 Oh Is It
17 Four Reels Collide
18 Fringertip Trajectories
19 Violent Bathroom Exchange
20 Natures Uplifting Revenge
21 Yuletide
22 Simple Loop Choir
23 No Lights Still Rock [feat. Dimlite]
24 Gaslamp Killer Feedback Text
25 Digan Lo
26 Preparation’s Kids Choir
27 Pitch Pipe
28 Periodic Measurements of Infrequent Frowns
29 Formal Dedications
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