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Diggin’ The Crates: Big Apple Productions Vol. 1

Big Apple Production Releases

Die Geschichte meiner großen Leidenschaft für Cut n’ Paste-Musik muss neu geschrieben werden: Meine bisherigen Helden Double Dee & Steinski, Coldcut, Bomb The Bass und auch der frühe Westbam: alle nur Epigonen. Der wahre Ursprung des Sample-Edit-Wahnsinns ist diese Platte:

Ein Mix auf Schallplatte, zusammengeklebt an der Bandmaschine: Big Apple Productions Vol. 1 kam 1982 als Bootleg raus und war ein tightes Medley aus Dance-Hits der damaligen Zeit. Erstellt hat den Mix der New Yorker Szene-DJ der 80er Mikey D’Merola, auch wenn er auf dem Label nicht erwähnt wird.

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Big Apple Productions Vol. 1

Viele der älteren Produktionen von Westbam wie z.B. Cold Train, The Roof Is On Fire und große Teile der ersten LP Westbam (u.a. Monkey Say Monkey Do) sind von diesem Mix inspiriert, obwohl anhand der Chronologie gemutmaßt werden darf, dass Westbam den Umweg über die oben genannten Coldcut gegangen ist, die sich ausgiebig am dritten Teil der Serie bedient haben, der seinerseits von Double Dee & Steinski inspiriert wurde.

Musik wurde selbstreferentiell und Cut n’ Paste-Produzenten der ersten Generation inspirierten kurze Zeit später die der zweiten Generation. Eine dritte Generation hörte davon und gelangte über die Collagen der zweiten an die “Originale” der ersten Generation. Oder alle haben einfach nur dieselbe Musik gehört, die in den Ohren der über 30jährigen von uns euphorisches Erinnern lostreten dürfte. Ich jedenfalls habe das ungekannte Vinyl direkt günstig über discogs.com erworben und damit eine krasse Bildungslücke geschlossen.

Tracklist:

Sharon Redd – Beat The Street
Heaven 17 – Let Me Go!
Rockers Revenge – Walkin’ On Sunshine
Planet Patrol – Play At Your Own Risk
Modern Romance – Can You Move
Hamilton Bohannon – Let’s Start The Dance
The Clash – The Magnificent Seven
Nancy Martinez – Can’t Believe
Pressure Drop – Rock The House (You’ll Never Be)
Afrika Bambaataa & Soulsonic Force – Planet Rock
Nairobi – Soul Makossa
Jonzun Crew – Pack Jam (Look Out For The OVC)
Man Parrish – Hip Hop Bebop
D-Train – Keep On
Barbara Norris – Heavy Hitter
Silver Convention – Get Up And Boogie
Aretha Franklin – Jump To It
Madonna – Everybody
Howard Johnson – So Fine
Unknown Artist – Untitled
James Brown – Sex Machine
Rockers Revenge – Walkin’ On Sunshine
Yazoo – Situation
Warp 9 – Nunk
Edwin Starr – Contact
Yazoo – Don’t Go
Videeo – Thang (Gimme Some Of That Thang)
D-Train – D-Train Dub (Remix)
Toney Lee – Reach Up
Michael Jackson – Don’t Stop Til’ You Get Enough
The Gap Band – You Dropped A Bomb On Me
Steve Miller Band – Abracadabra
ABC – The Look Of Love
Carol Jiani – Hit ‘N Run Lover
Divine – Native Love (Step By Step)
Bobby Orlando – She Has A Way
Paul Parker – Right On Target
Patrick Cowley – Megatron Man
Divine – Shoot Your Shot
Donna Summer – I Feel Love
Village People – Y.M.C.A.
Roni Griffith – (The Best Part Of) Breakin’ Up
Lime – Babe We’re Gonna Love Tonight
Patrick Cowley – Menergy
Patrick Cowley – Do You Wanna Funk
Lime – Your Love
Unknown Artist – Untitled

Eric B. & Rakim - Paid In Full (Coldcut Remix)

Den damaligen Gerüchten zu Folge waren Eric B. & Rakim überhaupt nicht glücklich über den Coldcut Remix von Paid in Full, der im November 1987 die Top 20 enterte. Coldcuts Remix bediente sich schamlos an Elementen der M/A/R/R/S-Single Pump Up The Volume (das auch auf einem ein Sample von Eric B. & Rakim basiert). Der wilde Cut and Paste mit u.a. Ofra Hazas Im Nin’Alu, war den Hardcore-Rappern viel zu poppig.

Update: In diesem youtube-Video läuft ein altes beim BBC gefundenes Band, wo Coldcut die Sample-Quellen kommentieren. Sehr lehrreich!

Paid In Full (Coldcut Remix, 1987) [Vinyl]

Pierre Henry in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 25.01.2008

Pierre Henry, der Musique Concréte-Pionier der frühen 50er Jahre und Wegbereiter der elektronischen Musik, gibt zum ersten Mal nach 10 Jahren ein Konzert in Deutschland in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz am 25.1.2008 um 20:30 Uhr.

Der 1927 geborene Pierre Henry gehört, neben Pierre Schaeffer, zu den prägenden Figuren der Musique Concrète. Schaeffer kann dabei eher als Ingenieur und Musik-Theoretiker verstanden werden, der mit neuen Aufnahme- und Kompositionstechniken gegen die zeitgenössiche deutsche Musik revoltierte.

Henry studierte am Conservatoire National de Musique in Paris u.a. bei Olivier Messiaen. Die Klangmanipulationen, die Henry mit Tonbandmaterial vornahm, legten den Grundstein für das heutige Sampling. Er war in seiner Arbeitsweise schon immer radikal unakademisch und hat auch die offiziellen Musique Concrète-Pfade beizeiten verlassen, um selbst deren Verspieltheit neu zu erfinden und zu reinterpretieren.

1964 hatte Henry mit der Single »Psyché Rock«, die er gemeinsam mit Michel Colombier unter dem Pseudonym Les Yper Sound aufnahm - und das in veränderter Form das Futurama-Thema darstellt - einen Charthit. Der Track wurde durch Remixe von u.a. Fat Boy Slim Norman Cook, Coldcut und Dimitri from Paris unsterblich.

Psycherocksessions [Vinyl]
Pierre Henry - Variation
Variation [Vinyl]

In der Volksbühne wird Henry im Rahmen des Club Transmediale die Kompositionen Dracula, aus dem Jahr 2003 - die in der CD-Ausführung Samples von Wagners Der Ring des Nibelungen enthält - und seine Neu-Komposition Pulsations, eine “zukunftsgerichtete Retrospektive”, in einer speziellen Adaption für die Volksbühne vorstellen.

Die Performance wird ein einzigartiges, ortsgebundenes Erlebnis werden, in dem Henry eine elektro-akustische Improvisation mit 26 Kanälen voraufgenommener Sounds kreieren wird. Einige Quellen geben an, dass Henry statt Dracula die aus 1997 stammende Komposition Histoire Naturelle vorstellt. Der Vorverkauf läuft u.a. über die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Westbam - The Early Years

Maximilian Lenz aka Westbam aka Westfalia Bambaataa wurde in Münster geboren. Bevor er der “Avantgardist der Raving Society” (sic!) wurde, hat der umtriebige DJ eine Reihe von richtig coolen Cut n’ Paste und House-Trax produziert.

Nach dem Paul Hardcastle-RipOff 17 - This Is Not A Boris Becker Song unter dem Pseudonym Cowboy Temple folgte der - trotz oder gerade wegen des offensichtlichen Kraftwerk-Samples - extrem funkige Low Spirit-Release Monkey Say Monkey Do den Westbam hier - samt altbackener Scratch-Skillz - in einer Fernsehshow präsentiert.

Monkey Say, Monkey Do (Remix) [Vinyl]

Kurz nach Monkey Say Monkey Do folgte die durchaus inspirierende LP Westbam mit einem sehr interessanten Cover.

Westbam LP Cover

Einer der ersten deutschen Cut n’ Paste-Charthits war The Roof Is On Fire 1990, der seinen großen Brüdern aus UK in nichts nachsteht. House-Piano, Robo-Voice, Oldschool-HipHop-Samples und Trillerpfeifen. Party On!

The Roof Is On Fire [Vinyl]
The Cabinet [CD]

Westbam sieht sich nach eigener Aussage auch als eine Art Avantgardist und postmoderne Konzepte wie die Zerstörung des überholten bürgerlichen Autoren- oder Genie-Begriffs oder der Mißbrauch der Technik durch z.B. Schallplattenmanipulationen sind ihm wohlbekannt:

Das kann man schon als Jazz begreifen, als Improvisation mit Technik, die ihren spezifischen Groove entwickelt.

Schade, dass es Westbam später nicht mehr so richtig gelang diese interessanten Ansätze explizit in seiner Musik umzusetzen. KLF beispielsweise haben auf diesem Gebiet wesentlich mehr überzeugen können.

Eine sehr interessante Kollaboration hatte der frühe Westbam 1987 mit der westrussische Avantgardeband Popularnaja Mehanika oder Pop Mechanics.

Die Pop Mechanics sind in Riga an mich herangetreten, als sie dort während ihrer Tournee auftraten. Sie fragten mich, ob ich Lust hätte, bei ihrem Konzert in der Schule der Aeronauten Platten aufzulegen. Von diesem Auftritt ist ein Mitschnitt auf Kassette gemacht worden, der dann bei What’s So Funny About erschien.

Die dekonstruktivistischen Scratch-Phrasen über dadaeskem Gesang, Free-Piano, Folklore und Jazz - alles schön nacheinander - sind ein echtes Sammlerstück mit dem Titel Westbam - Live at Riga [Vinyl].

Den hypnotischen Groove von Chicago House entdeckte Westbam in den frühen Neunzigern mit einer Reihe von Veröffentlichungen, unter denen für mich vor allem Hold Me Back hervorsticht.

Hold Me Back [Vinyl]

Auch an Skacid im weiteren Sinne hat sich Westbam mit dem Track Cold Train [Vinyl] versucht.

Es zeigt sich also, dass der frühe Westbam eine erstaunliche musikalische Bandbreite und konzeptionelle Reife hatte, die über die Mayday-Jahre peu à peu verlorenging und später nur noch manchmal mit obskuren Veröffentlichungen wie dem Merve-Band Mix, Cuts und Scratches mit Rainald Goetz aufblitzte.

Krush - House Arrest

House Arrest (The Beat Is The Law) von Mark Gamble und Cassius Campbell aka Krush (oder The Hawaiian Krush), war ein Cut and Paste-Hit von 1987 und kann somit in einem Atemzug mit Beat Dis, Doctorin’ The House und Theme From S-Express genannt werden.

Krush - House Arrest [Vinyl]

Die Bassline des Tracks stammt von einem Minimoog-Synthesizer und die weiblichen Vocals für den Chorus hat Ruth Joy beigesteuert (die jetzt mit der Detroit-Techno-Legende Kevin Saunderson verheiratet ist). Produziert wurde der Top 40-Hit von Mark Brydon, der auch Teil der Band Moloko ist.

Mark Gamble ist einer der Vorreiter des Sheffield-Dance-Sounds, zu dem später auch Altern-8 und Bizarre Inc. gehörten und der sich um das Label Network Records bildete, auf dem wiederrum auch Derrick May und Kevin Saunderson veröffentlichten. Er hat auch eingie Mixe und Edits zur Compilation The FON Mixes von The Art Of Noise, entstanden in Mark Brydons FON Studios in Sheffield, beigesteuert.


Fon Mixes Cover

FON Mixes [Vinyl]

Bomb The Bass - Clear

Das dritte Album von Bomb The Bass war das 1995 auf Stoned Heights/4th Broadway/Island Records erschienene Clear. Eine Fusion von Hip-Hop, Soul und Dub auf der Sinéad O’Connor, Justin Warfield, Doug Wimbish, Bim Sherman und andere Musiker der Londoner Club Szene dem Produzenten Tim Simenon zur Seite standen. Simenon ist wohl weniger der Autor, als vielmehr der Erfinder des Konstrukts Bomb The Bass, was vielen Musiker erlaubt, seiner Vision zu folgen, die Hip-Hop als Blues der 90er Jahre definiert.

Bomb The Bass - Clear Albumcover


Bomb The Bass - Clear [CD]

Die geistige Nachbarschaft zu den Theorien von William Burroughs wurde mit dem Album Clear evident, da das erste Stück des Albums Bug Powder Dust schon mit einem Sample aus David Cronenbergs Naked Lunch, nach einem Buch von Burroughs beginnt :

“I Think It’s Time To Discuss Your, Ah, Philosophy Of Drug Use As It Relates To Artistic Endeavour”

und mit einem weiteren Filmsample

“I Think It’s Time For You Boys To Share My Last Taste Of The True Black Meat. The Flesh Of The Giant Aquatic Brazilian Centipede.”

endet.

Clear wurde zu einem oft geremixten Album der New School von Cut and Paste-Artists wie Kruder & Dorfmeister (die den Coffeehouse-Hit Bug Powder Dust Remix veröffentlichten), Chemical Brothers, La Funk Mob und The Jedi Knights.

Viele Leute haben sich in den letzten Jahren gefragt, wohin Tim Simenon verschwunden ist, nachdem er einige der ersten SamplePop-Hits produziert hat, die manche von uns in ihrem Leben gehört haben.

Simenon lebt heute in Amsterdam und hat das Label Electric Tones gegründet. Dort hat er sich auch mit Markus Acher und der Sängerin Valerie Trebeljahr aka Lali Puna zusammengetan und Clearcut auf Morr Music/Hausmusik/Indigo/Kompakt produziert, einen ätherischen Track mit Uptempo-HipHop inspirierten Beats, einer Bouncy Bassline und einem deepen, dubby Vibe, gekrönt von der wundervoll warmen Stimme von Valerie Trebeljahr.

Clearcut [Vinyl]

Das Letzte was von Simenon releast wurde, war die 3-Track-EP Tracks zusammen mit Jack Dangers von Meat Beat Manifesto auf Electric Tones. Relaxte Downtempo-Tracks deren himmlische Loops ein künstliches elektrisches Paradies erzeugen, das niemals enden sollte…

Simon Harris - Bass (How Low Can You Go)

Simon Harris ist ein britischer Dancemusic-Produzent und ein Pionier der sample-basierten Breakbeat- und House-Music. Harris hat bereits mit James Brown, Prince und Fatboy Slim Norman Cook gearbeitet und hatte zwei Nummer Eins-Hits in den britischen Charts.

Als DJ aus Chigwell, Essex (UK) startete Harris seine Karriere und wurde später als Londoner Residenz-DJ in den DMC aufgenommen. Danach hat er viele britische Rapper wie Daddy Freddy oder die Demon Boyz produziert.

In dem Video zu Ragga House (feat. Daddy Freddy) [Vinyl] hat Daddy Freddy einen fulminanten Auftritt im Atze-Reebok-Jogginganzug mit Schnörres, Oldschool-Sonnenbrille und Motorola-Cellphone.

Die bekannte 12″-Serie Beats, Breaks and Scratches hat Simon Harris für DJ’s und Produzenten in zwölf Ausgaben produziert.

Cover von Beats, Breaks and Scratches

Beats, Breaks and Scratches

Sein Cut and Paste-Tune Bass (How Low Can You Go) wurde eine N°1 in den Billboard-Charts und führte zu einem der vielen unsäglichen - die Produktionsweise in ein Bandkorsett zwingenden - Auftritte von DJ’s und Produzenten bei Top Of The Pops.

Versucht man sich an einer Genealogie der Samples in Bass (How Low Can You Go), verliert man sich in selbstreferentiellen Spielchen, da viele der Samples Zitate von Zitaten von Zitaten darstellen. Die Uh—Yeah-Kiekser von Rob Base & DJ E-Z Rock haben seinerzeit jeden HipHouse- und Dance-Hit auf der 1 und der 2 1/2 begleitet und das Frauenlachen von Derrick Mays Nude Photo kann auch gottweisswoher stammen.

Natürlich ist die Catch-Phrase Bass (How Low Can You Go) unzweifelhaft ein Public Enemy-Sample von Bring The Noise und Yeah Boy ist ein durchgedrehter Yell von PEs Flavor Flav, der auch einen kleinen Gastauftritt in dem Video hat.

Das m.W. von einem Bob Marley-Track stammende Riddim A Full Of Culture Y’all wird ständig von allen mögliche Produzenten wie z.B. Rebel MC als Verweis auf Riddim “als Basis der Afro-Amerikanischen Transzendenz” benutzt. Wer alle Samples aufzählen kann, gewinnt einen Gastbeitrag auf realvinylz.de.

Simon Harris - Bass (How Low Can You Go)
Bass (How Low Can You Go) (UK Import)
Bass (Bomb the House Mix) [Vinyl]